„Weißt Du, ich nehme mir echt mit, dass ich übers Sterben reden kann“, sagt Emil und wippt mit seinem Sessel.
Puuuh, war das ein Tag … mega aufgeregt und gespannt war ich auf 17 junge Erwachsene, die das Freiwillige Soziale Jahr in Krankenhäusern, Pflegewohnheimen und Wohngemeinschaften für Kinder „aus schwierigen sozialen Verhältnissen“ absolvieren. Einen Tag lang beschäftigen wir uns mit Hospiz- und Palliative Care – denn über den Tod reden alle – mal mehr, mal weniger.
Was für eine Herausforderung für mich – sonst gewohnt, mit „Erwachsenen“ zu arbeiten. Wie wird’s? Wird’s passen?
Und es ist großartig… ich begegne 17 jungen Menschen mit unglaublichen Potentialen. Die Fragen, die sie beschäftigen, was ihnen gut gelingt, was herausfordernd ist, ist dem ziemlich ähnlich, was auch uns „alte Häsinnen und Hase“ beschäftigt. Haltung, Kommunikation und Handwerkszeug begleiten uns unser ganzes (Berufs -) leben lang. Fangen wir also rechtzeitig damit an, ins Gespräch zu gehen…
Endlichkeit als Bildungsauftrag
Eine bundesweite Befragung junger Menschen in Deutschland im Auftrag der Malteser Hospizarbeit 2020 zeigt, dass sich mehr als ein Drittel der befragten jungen Erwachsenen intensiv mit Sterben, Tod und Trauer beschäftigt. Zugleich gaben 64 Prozent an, bereits einen wichtigen Menschen verloren zu haben. Außerdem waren 41 Prozent der Ansicht, dass in der Gesellschaft zu wenig über diese Themen gesprochen wird. Die Studie zeigt sehr deutlich, dass Tod und Trauer für junge Menschen keineswegs, wie oft vermutet, Randthemen sind, sondern Teil ihrer Lebensrealität.
Wie können junge Menschen auf solche Erfahrungen vorbereitet werden und welche Rolle spielen Bildung, Begleitung und gesellschaftliche Diskurse dabei ?
Die internationale Forschung zu „Death Education“ kommt zu dem Schluss, dass die Fähigkeit, über Sterben, Tod und Trauer zu sprechen, nicht selbstverständlich entsteht. Sie entwickelt sich durch soziale Lernprozesse, Reflexion und Begegnung.
Die italienische Studie von Testoni et al. untersucht die Wirkung eines Hospiz- und Death-Education-Programms mit Jugendlichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die strukturierte Auseinandersetzung mit Sterben und Palliative Care Ängste reduziert, die Reflexionsfähigkeit fördert und zu einer differenzierteren Haltung zu Tod und Endlichkeit beitragen kann. Besonders bedeutsam war dabei die direkte Begegnung mit Fachpersonen aus der Hospiz- und Palliativversorgung.
Auch neuere Forschungsarbeiten zur Lebens- und Todesbildung machen deutlich, dass junge Menschen von altersgerechten Bildungsangeboten profitieren. Die Auseinandersetzung mit Endlichkeit wird dabei nicht primär als Belastung verstanden, sondern als wichtiger Bestandteil von Persönlichkeitsentwicklung, Resilienz und sozialem Lernen.
Junge Erwachsene im Freiwilligen Sozialen Jahr und Zivildienst
Besonders sichtbar wird die Bedeutung dieser Kompetenzen bei jungen Erwachsenen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren oder ihren Zivildienst leisten.
In Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens begegnen sie häufig erstmals Menschen mit schweren Erkrankungen, Demenz, Pflegebedarf oder begrenzter Lebenserwartung. Viele erleben dort Situationen, die sie emotional fordern und nachhaltig prägen.
Die Erfahrungen aus der Hospiz- und Palliativarbeit zeigen, dass junge Menschen häufig große Bereitschaft mitbringen, sich auf diese Begegnungen einzulassen. Gleichzeitig benötigen sie professionelle Begleitung, Reflexionsräume und Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen.
Auch in Beiträgen und Erfahrungsberichten junger Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr wird immer wieder deutlich, dass gerade die Begegnung mit verletzlichen, schwerkranken oder sterbenden Menschen zu den prägendsten Erfahrungen ihres Dienstes zählt.
„Ich bin immer zu Frau S. ins Zimmer gegangen, wenn ich Dienst hatte. Ich glaub´zwar nicht, dass sie gewusst hat, wer ich bin, aber irgendwie wars immer nett mit ihr. Und dann bin ich jetzt am Montag wieder zu ihr in ihr Zimmer gegangen, ich wollte schauen, wie es ihr geht, weil es ihr am Freitag so komisch gegangen ist. Ihr Bett war leer… da hab‘ ich dann nachgefragt, wo sie ist, und die [Kollegen] haben mir dann gesagt, dass sie gestorben ist. Das war schon krass.. also traurig.“
Wenn Junge Erwachsenen durch, zum Beispiel, Fachtage zu Palliative Care oder Schulungen zum Umgang mit Hochaltrigen und Menschen mit Demenz, in ihren Erfahrungen begleitet werden, kann sich ihre Sicht auf Beziehungen, Zeit, Verantwortung und Lebensqualität verändern und weiten.
Sie erleben, dass die Auseinandersetzung mit schweren Themen oft in der Gruppe aushaltbar und vielleicht sogar leicht wird. Viele junge Erwachsene erzählen, dass ihre Sicht auf das Leben, Alter und Sterben nach ihren Einsätzen im Freiwilligen Sozialen Jahr oder auch im Zivildienst um zahlreiche, tiefe Erfahrungen ergänzt und bereichert wurde. Sie beschreiben, dass sie achtsamer geworden sind, dass sie seither Gespräche mit ihren Großeltern anders führen, dass sie zu den Themen Krankheit, Sterben und Tod nicht mehr nur schweigen.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Kompetenzen unserer Zeit: über das sprechen zu können, worüber wir am liebsten nicht sprechen würden.
Frühe Auseinandersetzung stärkt alle
Nicht nur wissenschaftliche Evidenz zeigt zunehmend, dass die Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer nicht erst am Lebensende relevant wird. Vielmehr handelt es sich um eine Bildungs-, Gesundheits- und Gesellschaftsaufgabe, die bereits in jungen Jahren beginnt bzw. beginnen sollte.
Programme wie „Hospiz macht Schule“, Erfahrungen im Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Zivildienst sowie Konzepte der Death Education leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Sprechfähigkeit, Resilienz und soziale Verantwortung zu fördern. Junge Menschen werden dabei unterstützt, mit Unsicherheiten umzugehen, Verluste einzuordnen und Menschen in Krisensituationen zu begleiten.
Eine Gesellschaft, die über Sterben und Tod sprechen kann, stärkt nicht nur ihre Hospiz- und Palliativkultur. Sie stärkt auch ihre Fähigkeit zu Mitgefühl, Solidarität und menschlicher Verbundenheit. Junge Erwachsene sind dafür keine Zielgruppe von morgen – sie sind bereits heute Teil der gelebten Sorgekultur.
Marianne Buchegger
