Digitales Lernen in Hospiz- und Palliative Care – Chancen, Grenzen und neue Lernwege
Die Digitalisierung hat die Bildungslandschaft nachhaltig verändert. Auch im Bereich der Palliative Care und Hospizarbeit gewinnen digitale Lernformate zunehmend an Bedeutung. Spätestens seit der Pandemie werden viele Fort- und Weiterbildungen online angeboten. Für zahlreiche Fachkräfte eröffneten sich dadurch neue Möglichkeiten, Wissen flexibel und ortsunabhängig zu erwerben. Gleichzeitig stellt sich gerade in einem Arbeitsfeld, das von Beziehung, Präsenz und Empathie lebt, die Frage: Wie viel Digitalisierung verträgt Hospiz- und Palliative Care eigentlich?
Was bedeutet Digitales Lernen?
Digitale Bildungsangebote werden oft unter unterschiedlichen Begriffen zusammengefasst, die nicht immer klar voneinander abgegrenzt sind. Dabei unterscheiden sich die Lernformen deutlich. Hier eine kurze Begriffsbestimmung zu Beginn:
Online-Lernen / E-Learning: Lernen findet vollständig digital statt – etwa über Lernplattformen, Videos, Webinare oder Online-Module. Teilnehmende lernen zeitlich flexibel oder live in virtuellen Räumen.
Blended Learning: Eine Kombination aus Online- und Präsenzlernen. Theoretische Inhalte werden digital vermittelt, praktische Übungen und Reflexion finden vor Ort statt.
Hybrides Lernen: Präsenz- und Online-Teilnehmende lernen gleichzeitig in derselben Veranstaltung. Ein Teil der Gruppe ist vor Ort, der andere digital zugeschaltet.
Synchrones Lernen: Alle Teilnehmenden lernen gleichzeitig, beispielsweise in einem Live-Webinar oder einer Videokonferenz.
Asynchrones Lernen: Lernende bearbeiten Inhalte zeitlich unabhängig, etwa durch aufgezeichnete Vorträge oder Selbstlernmodule.
Müssen oder dürfen wir Lernen neu denken?
Hospiz und Palliative Care stehen vor großen Herausforderungen. Der Fachkräftemangel im Gesundheits- und Pflegebereich nimmt seit Jahren zu. Gleichzeitig wächst der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden in der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen. Einrichtungen sind zunehmend darauf angewiesen, junge Kolleg:innen für dieses anspruchsvolle Arbeitsfeld zu gewinnen. Auch die Zusammensetzung der Teams mit unterschiedlichen sprachlichen Kompetenzen und Bildungsabschlüssen sind zu bedenken.
Damit lernen gelingen kann – in einer Zeit der Unsicherheiten und Veränderungen, darf darüber nachgedacht werden, ob auch Lehre und Lernen anders stattfinden soll. Junge Menschen lernen heute anders als frühere Generationen. Schule, Ausbildung und Alltag sind zunehmend digital geprägt. Informationen werden schnell, visuell und interaktiv aufgenommen. Viele Jugendliche und junge Erwachsene sind es gewohnt, Inhalte über Videos, Lernplattformen, kurze Inputformate oder digitale Gruppenarbeit zu erschließen.
Junge Lernende können besonders dann Inhalte aufnehmen und behalten, wenn:
- Lernen aktiv und abwechslungsreich gestaltet ist,
- unterschiedliche Medien genutzt werden,
- Inhalte praxisnah vermittelt werden,
- Austausch und Beteiligung möglich sind,
- und Lernen emotional anschlussfähig bleibt.
Lange Frontalvorträge entsprechen oft nicht mehr den Lerngewohnheiten und Lernrealitäten heutiger Generationen.
Gerade Hospiz und Palliative Care bieten hier großes Potenzial. Themen wie Kommunikation, Ethik, Lebensqualität oder Menschlichkeit berühren junge Menschen häufig sehr unmittelbar – wenn sie didaktisch zeitgemäß vermittelt werden.
Die Chancen digitaler Lernangebote
Gerade im Gesundheits- und Pflegebereich bietet Online-Lernen viele Vorteile. Mitarbeitende in Hospiz- und Palliative Care arbeiten häufig im Schichtdienst oder unter hoher zeitlicher Belastung. Digitale Angebote schaffen hier mehr Flexibilität. Lernende können Inhalte dann bearbeiten, wenn es ihre berufliche oder familiäre Situation erlaubt. Besonders theoretische Themen eignen sich gut für digitale Formate. Dazu zählen etwa:
Auch der Zugang zu spezialisierten Fortbildungen wird erleichtert. Menschen aus ländlichen Regionen oder kleineren Einrichtungen können an Kursen teilnehmen, ohne lange Anfahrtswege in Kauf nehmen zu müssen. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten zur Vernetzung über Institutions- und Ländergrenzen hinweg.
Digitale Lernplattformen ermöglichen zudem vielfältige Methoden: Videos, Podcasts, Fallbesprechungen oder virtuelle Gruppenarbeiten fördern unterschiedliche Lernstile. Viele Teilnehmende schätzen außerdem die Möglichkeit, Inhalte mehrfach anzusehen und im eigenen Lerntempo zu bearbeiten.
Wo digitales Lernen an Grenzen stößt
Trotz aller Vorteile zeigt sich gerade in Hospiz und Palliative Care, dass Lernen weit mehr bedeutet als reine Wissensvermittlung. Zentral sind hier Haltung, Selbstreflexion und zwischenmenschliche Kompetenz. Die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen erfordert empathische Kommunikation, Wahrnehmung nonverbaler Signale, emotionale Präsenz und die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Belastung umzugehen.
Diese Kompetenzen entstehen vor allem durch persönliche Begegnung, praktische Erfahrung und gemeinsames Reflektieren. Digitale Räume können dies nur teilweise ersetzen. Dies zeigen auch Studien: Theoretisches Wissen zu Palliative Care kann und soll durchaus online oder im Selbststudium (z.B. bei blended-Learning-Angeboten) erworben werden. Dies ist auch in Studien nachgewiesen, die allerdings in der Regel universitäre Programme von grundständigen Studiengängen untersuchen. In der postgraduierten Weiterbildung gibt es allerdings noch wenig aussagekräftige Ergebnisse, wie gut primär online-basierte Programme funktionieren.
Besonders Gespräche über Tod, Trauer oder existenzielle Krisen brauchen oft einen geschützten Rahmen. In Präsenz entstehen leichter Vertrauen, Nähe und Gruppengefühl. Auch spontane Gespräche in Pausen oder informeller Austausch fehlen online häufig – obwohl gerade sie für Lernprozesse bedeutsam sein können.
Hinzu kommt, dass Online-Lernen ein hohes Maß an Selbstorganisation verlangt. Nicht alle Lernenden verfügen über gleiche technische Voraussetzungen oder fühlen sich im virtuellen Raum sicher.
Die Zukunft liegt im Kombinieren
Viele Bildungseinrichtungen setzen deshalb zunehmend auf Blended Learning. Dieses Modell verbindet die Vorteile digitaler Flexibilität mit der Qualität persönlicher Begegnung.
Online können Wissen und Theorie vermittelt werden, während Präsenzphasen Raum für Kommunikationstraining, Rollenspiele, Selbsterfahrung, die gemeinsame Entwicklung einer tragfähigen Haltung und beispielsweise praktische Übungen bieten
Gerade im hospizlichen und palliativen Kontext zeigt sich, dass Digitalisierung Lernen bereichern – menschliche Nähe jedoch nicht ersetzen kann. Entscheidend wird daher sein, digitale Möglichkeiten sinnvoll mit persönlicher Begegnung zu verbinden. Moderne Bildung bedeutet heute nicht, Tradition aufzugeben, sondern neue Lernwege zu schaffen, die sowohl fachliche Kompetenz als auch Menschlichkeit fördern.
Die Zukunft der Hospiz und Palliative Care wird nicht allein durch Technologien gestaltet, sondern durch Menschen, die bereit sind zu lernen, sich einzulassen und andere achtsam zu begleiten. Wenn es gelingt, moderne Bildungswege mit echter Begegnung zu verbinden, kann daraus etwas entstehen, das weit über Wissensvermittlung hinausgeht: eine Lernkultur, die Menschlichkeit stärkt.
Rainer Simader, Leitung Bildung & Diversität, HOSPIZ ÖSTERREICH
