Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Lernen über Grenzen hinweg: Ehrenamt weiterdenken

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Rainer Simader im Gespräch mit Clare Hodder, Leiterin des Ehrenamts im St. Christopher’s Hospice London

Das Ehrenamt ist eine tragende Säule der Hospizbewegung in Österreich. Seit vielen Jahren leisten tausende ehrenamtliche Hospizbegleiter:innen einen unverzichtbaren Beitrag für schwer kranke Menschen und deren An- und Zugehörige. Zugleich stellt sich die Frage, wie sich das Ehrenamt in Zukunft weiterentwickeln kann und wird.

Während das Ehrenamt in der österreichischen Hospiz- und Palliativversorgung traditionell stark auf die Begleitung von Patient:innen und An- und Zugehörigen ausgerichtet ist, haben sich in anderen Ländern zum Teil deutlich breitere Formen ehrenamtlichen Engagements entwickelt. Der Blick über die eigenen Grenzen kann daher wertvolle Impulse liefern: Wie werden Ehrenamtliche in anderen Organisationen eingebunden? Wie werden sie qualifiziert? Welche Erfahrungen können für die Weiterentwicklung des Ehrenamts in Österreich hilfreich sein?

Eine der weltweit bekanntesten Einrichtungen der Hospizbewegung ist das St. Christopher’s Hospice in London. Gegründet von Dame Cicely Saunders, gilt es als Wiege der modernen Hospizbewegung und hat die Entwicklung von Hospiz- und Palliativversorgung weltweit maßgeblich beeinflusst. Bis heute ist das Hospiz ein wichtiger Ort für Innovation, Bildung und internationalen Austausch.

Für HOSPIZ ÖSTERREICH sprach Rainer Simader mit Clare Hodder. Sie leitet den Bereich Ehrenamt am St. Christopher’s Hospice. Rainer Simader kennt die Einrichtung aus eigener Erfahrung: Er arbeitete selbst in dieser Einrichtung und konnte dort erleben, welche Bedeutung Lernen, Entwicklung und die Zusammenarbeit von haupt- und ehrenamtlich engagierten Menschen für die Hospizarbeit haben.

Rainer Simader
Das St. Christopher’s Hospice gilt als eine der bedeutendsten Einrichtungen der internationalen Hospizbewegung. Welche Rolle spielen Ehrenamtliche heute in Ihrer Organisation? Wie viele Menschen engagieren sich bei Ihnen und welche Aufgaben übernehmen sie?

Clare Hodder:
Wir haben rund 1.200 Ehrenamtliche, die uns in etwa 40 verschiedenen Funktionen unterstützen. Und für jede dieser Funktionen haben wir eine eigene Rollenbeschreibung. Ehrenamtlich engagierte Menschen leisten auf vielfältige Weise einen Beitrag und ermöglichen es uns dadurch, Patient:innen, Familien und die Bevölkerung in unserem Einzugsgebiet zu unterstützen.

Wenn wir in Österreich über Ehrenamt in Hospiz und Palliative Care sprechen, denken viele Menschen zunächst an die direkte Begleitung von Patient:innen und An- und Zugehörigen. Welche Aufgaben übernehmen Ehrenamtliche am St. Christopher’s Hospice darüber hinaus? Gibt es Tätigkeiten, die Sie persönlich besonders spannend, ungewöhnlich oder wertvoll finden?

Ehrenamtliche unterstützen viele verschiedene Bereiche der Hospizarbeit. Sie besuchen beispielsweise Patient:innen zu Hause, sortieren Spenden in unseren Secondhand-Läden, pflegen unsere Gärten, übernehmen Verwaltungsaufgaben oder arbeiten im Fundraising, bereiten Tee und Kaffee für Patient:innen und Angehörige in unseren klinischen Settings zu oder bieten auch Friseurdienstleistungen oder Maniküre an, damit sich Patient:innen möglichst wohlfühlen. Darüber hinaus engagieren sich in einzelnen Projekten, wie zum Beispiel „Compassionate Neighbours“, einem unserer Caring Community Projekte. Oder sie unterstützen das Rehabilitationsteam im „Rehabilitation Gym“ oder im „Living well at home“ Projekt und trainieren nach einer Einschulung durch Therapeut:innen mit den Patient:innen oder sind in Peer-Funktionen, zum Beispiel in der Trauerbegleitung oder Unterstützung von pflegenden Angehörigen, engagiert. Andere wiederum engagieren sich in der Recherche wissenschaftlicher Literatur und der Aufbereitung für das interprofessionelle Team.

Was ich am ehrenamtlichen Engagement bei uns besonders spannend finde, ist die große Vielfalt der Möglichkeiten. Manche Aufgaben bestehen darin, Patient:innen und Familien direkt zu unterstützen und sie zu begleiten. Andere Ehrenamtliche arbeiten eher im Hintergrund, um Spenden zu generieren oder den reibungslosen Betrieb unserer Angebote sicherzustellen. Jede einzelne Aufgabe trägt zur Gesamtversorgung und Unterstützung bei, die wir anbieten.

Eine große Zahl von Ehrenamtlichen und ein breites Spektrum an Tätigkeiten benötigen gute organisatorische Rahmenbedingungen. Wie werden Ehrenamtliche am St. Christopher’s Hospice begleitet und unterstützt? Welche Rolle spielen dabei die Ehrenamtskoordinator:innen?

Wir arbeiten mit einem dezentralen Modell des Ehrenamtsmanagements. Das bedeutet, dass Ehrenamtliche innerhalb der Teams betreut werden, in denen sie tätig sind. Das zentrale Ehrenamtsteam, dem ich angehöre, ist für die Rekrutierung, Einarbeitung, Schulung und die übergeordnete Strategie zuständig, während die jeweiligen Leiter:innen jener Abteilungen, für die Ehrenamtliche arbeiten, die laufende Betreuung, Unterstützung und Anleitung in ihren Bereichen übernehmen.

Wie gelingt es Ihnen, Ehrenamtliche so in die Organisation einzubinden, dass sie sich als Teil eines Teams verstehen und gleichzeitig die Unterstützung erhalten, die sie für ihre Aufgaben benötigen?

Bei der Entwicklung von ehrenamtlichen Tätigkeiten stellen wir sicher, dass jede Aufgabe eine:n festen Ansprechpartner:in bzw. Verantwortliche:n hat, der tägliche Unterstützung und Betreuung bieten kann. Das ist sehr wichtig, da Ehrenamtliche davon profitieren, von den Fachleuten unterstützt zu werden, mit denen sie zusammenarbeiten. Das kann eine Kolleg:in aus der Trauerbegleitung sein oder eine Physiotherapeutin. Die Einbindung von Ehrenamtlichen in die speziellen fachbezogenen Teams hilft ihnen, sich wertgeschätzt und integriert zu fühlen. Gleichzeitig erhalten sie Zugang zum Fachwissen und die Anleitung, die sie benötigen, um ihre Aufgaben in guter Qualität auszuführen. Dadurch werden Ehrenamtliche zu einem festen Bestandteil des jeweiligen Angebots.

Bildung und Qualifizierung sind zentrale Themen für die Weiterentwicklung des Ehrenamts. Wie werden Ehrenamtliche auf ihre Aufgaben vorbereitet? Gibt es für alle dieselbe Ausbildung?

Alle Ehrenamtlichen absolvieren vor Beginn ihrer Tätigkeit ein verpflichtendes Grundschulungs- und Auswahlprogramm. Dazu gehören Themen wie der Schutz vulnerabler Personen und Datenschutz.

Zusätzlich erhalten Ehrenamtliche eine auf ihre Rolle zugeschnittene Schulung, die sich auf die für die jeweilige Aufgabe erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten konzentriert. Darüber hinaus erheben wir fortlaufend Lern- und Entwicklungsbedarfe und bieten entsprechende Weiterbildungen an, damit sich Ehrenamtliche sicher, kompetent und gut unterstützt fühlen.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus Ihrer Arbeit würden Sie Organisationen mitgeben, die Ehrenamtliche gewinnen, begleiten und qualifizieren möchten? Wo sehen Sie wichtige Erfolgsfaktoren für die Zukunft des Ehrenamts?

Diese Frage lässt sich nur schwer in Kürze beantworten, da es dazu sehr viel zu sagen gibt. Ich halte es jedoch für wichtig, den Aufnahmeprozess für Ehrenamtliche möglichst niederschwellig und unkompliziert zu gestalten und gleichzeitig eine große Vielfalt an Aufgaben und Beteiligungsmöglichkeiten anzubieten. Dies trägt dazu bei, ein inklusiveres, flexibleres und positiveres Umfeld für Ehrenamtliche zu schaffen.

Ich denke auch, dass viele Organisationen den Wert unterschätzen, den ehrenamtlich engagierte Menschen einbringen können. Manchmal gibt es Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von Ehrenamtlichen, oft aufgrund von Bedenken hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, ihrer Verlässlichkeit oder bezüglich Risiken. Meine Erfahrungen sind jedoch genau gegenteilig. Mit der richtigen Unterstützung, Schulung und den passenden Möglichkeiten können Ehrenamtliche einen außergewöhnlichen Beitrag sowohl zur Betreuung und Versorgung der Patient:innen als auch für die gesamte Organisation erbringen.

Was vielleicht am wichtigsten ist: Die Organisationen sollten sich darauf konzentrieren, sinnvolle Aufgaben zu schaffen, die tatsächlich einen Mehrwert bieten, anstatt lediglich Lücken zu füllen. Wenn Ehrenamtliche sich vertrauensvoll behandelt, unterstützt und mit der Mission der Organisation verbunden fühlen, können sie einen tiefgreifenden positiven Einfluss auf Patient:innen, Familien, Mitarbeitende und die gesamte Gesellschaft haben.

St. Christophers Volunteers