Ein Gespräch mit Pia Kruckenhauser, Ressortleiterin Gesundheit, DER STANDARD
Mit 28 Jahren verlor Pia Kruckenhauser ihren Vater an Lungenkrebs, sieben Jahre später starb auch ihre Mutter an Krebs. Beide waren erst Ende fünfzig. Diese persönlichen Erfahrungen veränderten ihren Blick auf Krankheit, Sterben, Tod und Trauer – und beeinflussen ihre Arbeit als Gesundheitsjournalistin bis heute.
Wissen zu Krankheit, Sterben, Tod und Trauer gehört zum Allgemeinwissen, wird aber kaum gelehrt. Wie „wissend“ sind die Österreicher:innen zu diesen Themen und den Angeboten?
Pia Kruckenhauser: Ich habe den Eindruck sehr unwissend. Menschen, die selbst noch nie mit schwerer Krankheit, Sterben oder Trauer in Berührung gekommen sind, wissen oft überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Das ist einerseits meine persönliche Erfahrung, andererseits begegnet mir das auch immer wieder beruflich. Nachdem ich mich durch den Tod meiner Eltern früh mit Sterben, Tod und Trauer auseinandersetzen musste, und aus einer Familie stamme, in der immer über alles offen geredet wurde, habe ich gemerkt, dass viele Menschen mir ihre eigenen Geschichten erzählt haben. Oft haben zwei Sätze zum Thema gereicht, und jemand hat begonnen, über den Tod der Mutter, die Erkrankung des Partners oder die eigene Trauer zu sprechen. Danach kam fast immer derselbe Satz: „Danke, das hat so gut getan.“
Da habe ich mich gefragt: Warum reden wir eigentlich nicht öfter darüber? Es ist immer noch ein totales Tabu in unserer Gesellschaft.
Über Krankheiten wird heute tatsächlich offener gesprochen als früher. Aber über Trauer und die Emotionen dahinter sprechen wir noch immer viel zu wenig. Viele glauben, Trauer müsse nach wenigen Monaten vorbei sein. Weil Trauer oft als Schwäche gesehen wird, fehlt Verständnis dafür, wie Trauer tatsächlich funktioniert und dass es völlig legitim ist, sich Unterstützung zu holen.
Welche Themen interessieren die Menschen, welche verschrecken sie?
Das kommt sehr auf die Aufbereitung an. Die Menschen interessiert vor allem das, was sie selbst betrifft oder betreffen könnte.
Geschichten, die zeigen, was man selbst tun kann – etwa zur Vorbeugung von Demenz – werden sehr viel mehr gelesen als Reportagen über den Alltag pflegender Angehöriger oder darüber, was eine Demenzdiagnose konkret bedeutet. Da wollen viele gar nicht hinschauen, weil sie hoffen, dass sie dieses Thema nie betreffen wird.
Das zeigt auch, wie stark die Angst vor Krankheit ist. Solange man selbst noch Handlungsmöglichkeiten sieht, beschäftigt man sich damit. Sobald man mitten in einer belastenden Situation steckt, möchten viele gar nicht mehr weiterlesen – oder haben schlicht keine Kraft dafür.
Was aber immer funktioniert, sind persönliche Geschichten. Zahlen, Fakten und Statistiken heben das Thema auf eine abstrakte Ebene und schaffen Distanz. Menschen erreichen wir über Emotionen. Wenn jemand offen erzählt, wie sich Trauer anfühlt oder wie der Alltag mit einer schweren Erkrankung aussieht, können sich Leserinnen und Leser hineinversetzen. Das macht diese Themen greifbar.
Das erleben wir auch an den Reaktionen. Nach solchen Beiträgen entstehen immer wieder intensive Diskussionen im Standardforum. Menschen erzählen dann – im Schutz der Anonymität – zum ersten Mal ihre eigene Geschichte.
Wie entscheidet die Redaktion, was sie bringt? Wie wichtig ist der volksbildnerische Aspekt in der Gesundheitsberichterstattung?
Natürlich überlegen wir, welche Themen Leserinnen und Leser interessieren. Aber manche Geschichten machen wir einfach, weil sie gesellschaftlich wichtig sind – unabhängig davon, wie viele Menschen sie lesen werden.
Ich versuche dabei immer, einen Zugang zu finden, der möglichst viele Menschen erreicht. Emotionale Geschichten funktionieren dabei meist besser als reine Faktenvermittlung.
Wichtig ist mir auch, dass solche Themen nicht nur rund um Allerheiligen oder andere Gedenktage auftauchen. Eine gute Geschichte braucht keinen Anlass. Wenn sie nur deshalb erzählt wird, weil gerade ein Jahrestag ist, dann ist sie eigentlich keine Geschichte. Sterben, Tod und Trauer gehören zum Leben – also sollten sie das ganze Jahr über ihren Platz in den Medien haben.
Projekte wie „Hospiz macht Schule“ zeigen, dass frühe Auseinandersetzung Berührungsängste abbauen kann. Kinder sprechen oft offener über Krankheit, Sterben und Tod als Erwachsene. Wie bringen wir diese Themen insgesamt stärker in die Breite?
Ich glaube tatsächlich, dass Schulen ein guter Ort sein können, um Menschen früh mit diesen Themen in Berührung zu bringen. So hat man zumindest schon einmal gehört, dass es bestimmte Angebote gibt oder dass man über Krankheit und Sterben sprechen kann.
Medien können ihren Beitrag leisten – mit Geschichten, die zeigen, wie Menschen mit Krankheit, Pflege oder Trauer umgehen, welche Unterstützung möglich ist und wo Hilfe zu finden ist.
Aber meistens setzen sich die Leute erst dann wirklich damit auseinander, wenn es sie in irgendeiner Form selbst betrifft. Dieses Thema ist ja kein angenehmes, das will man lieber nicht haben. Man hätte lieber, dass es den Menschen gut geht. Und weil sich die wenigsten freiwillig mit belastenden und schmerzhaften Themen beschäftigen, erreicht man Menschen eher über Geschichten und Emotionen.
Wenn jemand erzählt, wie Trauer erlebt wird oder wie sich eine bestimmte Situation anfühlt, dann entsteht Nähe. Dazu gehört aber auch Information: Wo bekomme ich Hilfe? Was bedeutet eine Diagnose? Was kann ich selbst tun? Diese Mischung aus persönlicher Geschichte, konkretem Wissen und Ermutigung holt die Menschen ab.
Was wünschen Sie sich für den öffentlichen Diskurs? Von der Politik, von Interessensvertretungen, von Kolleg:innen und von den Leser:innen?
Ich würde mir von der Politik und offiziellen Institutionen vor allem wünschen, dass man sich nicht nur hinter Sachlichkeit und der Präsentation eigener Erfolge versteckt.
Natürlich braucht es Fakten und Zahlen. Aber gerade bei Krankheit, Pflege, Sterben, Tod und Trauer ist das nicht genug. Diese Themen sind nicht rational. Mit Statistiken und Kennzahlen allein erreicht man die Menschen nicht. Ich wünsche mir hier mehr Mut, sich auch menschlich zu zeigen, dass man versteht, was die Betroffenen erleben. Es ist klar, dass die Politik nicht alle Probleme lösen kann. Aber Menschen spüren sehr genau, ob jemand ehrlich mit ihnen spricht. Phrasen verursachen Unbehagen.
Von den Medien wünsche ich mir, dass seriöse Information wichtiger bleibt als Aufmerksamkeit um jeden Preis. Ich schätze es sehr, dass wir beim STANDARD nicht aus jeder Aufregung eine Geschichte machen müssen. Wenn ich sage „Das ist keine Geschichte.“, wird das akzeptiert.
Und den Leserinnen und Lesern wünsche ich, dass sie den Mut haben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Meine Erfahrung ist: Sobald jemand beginnt, offen über Krankheit, Sterben oder Trauer zu sprechen, erzählen plötzlich viele ihre eigene Geschichte.
Ich glaube, genau dort beginnt die Enttabuisierung.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft: Sobald jemand den ersten Schritt macht und offen spricht, merken viele andere: Ich bin mit meiner Geschichte nicht allein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Catrin Neumüller
