Ein Gespräch mit Johannes Jurka über Train-the-Trainer, Gruppenprozesse und das iCare Projekt
Marianne Buchegger sprach mit dem Psychotherapeuten, Coach, Supervisor, Moderator und Berater Dr. Johannes Jurka, der für das iCare Projekt die Train-the-Trainer Module geleitet und das Curriculum mit entwickelt hat.
Warum engagierst du dich in so einem großen internationalen Projekt wie iCare?
Ich arbeite besonders gern in Train-the-Trainer-Formaten. Also dort, wo es darum geht, Menschen zu befähigen, selbst Bildungsangebote zu gestalten.
Mich interessiert die Metaebene – das Nachdenken darüber, wie Lernen eigentlich funktioniert: Was tue ich, wenn ich mit Gruppen arbeite? Wie entsteht Entwicklung? Und schließlich hat mich auch der thematische Bezug fasziniert. Durch meinen Hintergrund als existenzanalytischer Psychotherapeut waren die Themen Sterben, Tod und Sinnsuche immer präsent. Ich bin kein Hospiz und Palliative-Care-Experte, aber ich fand es sehr spannend, mich inhaltlich darauf einzulassen und gleichzeitig mitzudenken, wie man dieses Wissen weitergeben kann.
Ob ich nun mit Führungskräften arbeite oder mit Hospiz und Palliative-Care-Trainer:innen – der Kern ist oft derselbe: Menschen dabei zu unterstützen, ihr Wissen und ihre Haltung weiterzugeben.
Was genau versteht man unter „Train-the-Trainer“?
Im Grunde bedeutet es, Menschen dazu zu befähigen, selbst Lern- und Bildungsangebote zu gestalten. In unserem Fall: Pflegefachkräfte, die auf Palliative Care spezialisiert sind, werden darin unterstützt, dieses Wissen weiterzugeben und Lernprozesse zu begleiten.
Das Wissen haben sie ja bereits – was sie noch brauchen, ist Vermittlungskompetenz. Also: Wie gestalte ich ein Lernsetting, das nicht nur Wissen überträgt, sondern Haltung und Beziehung?
Macht es Sinn, solche Kompetenzen innerhalb einer Organisation aufzubauen?
Absolut. Aus organisationsentwicklerischer Sicht ist das eine kluge Investition. Wenn ich Mitarbeitende als Multiplikator:innen ausbilde, dann verbreiten sie nicht nur Wissen, sondern auch Werte.
Train-the-Trainer-Programme sind in diesem Sinne auch ein Werkzeug der Organisationsentwicklung: Sie fördern Selbstreflexion, stärken Lernkultur und tragen zur Entwicklung der gesamten Organisation bei.
Welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Einerseits braucht es eine gewisse Lernbereitschaft – also eine Organisation, die sich entwickeln will und mutige Entscheidungsträger:innen, die so einen Prozess starten.
Andererseits ist der Prozess selbst auch eine Intervention: Wenn ich Menschen dazu befähige, selbst zu lehren, fördere ich automatisch Reflexion und Selbstauseinandersetzung. Das wirkt immer auch zurück auf die Organisation.
Funktioniert dieses Konzept für jedes Thema?
Grundsätzlich ja. Es muss nicht immer „Train-the-Trainer“ heißen, aber jedes Thema, das vermittelt werden soll, profitiert davon, wenn man über Didaktik und Haltung nachdenkt.
Je stärker es um „Soft Skills“ geht – also um Kommunikation, Beziehung oder ethische Fragen – desto wichtiger ist der Selbsterfahrungsaspekt.
Denn ich kann nur so lehren, wie ich selbst lerne. Ich erfahre in solchen Prozessen viel über meine Werthaltungen, mein Menschenbild, über die Art, wie ich mich in Gruppen verhalte. Das prägt unmittelbar, wie ich später Trainings gestalte.
Das iCare-Projekt war ja besonders international. Wie war das, mit so unterschiedlichen Gruppen zu arbeiten?
Herausfordernd – und unglaublich bereichernd.
Anders als in einer Organisation, wo die Personen einen gemeinsamen Bezugsrahmen haben, kamen beim iCare Projekt Menschen aus verschiedenen Ländern und Einrichtungen zusammen. Das bringt einerseits Vielfalt, andererseits auch Unterschiedlichkeit auf vielen Ebenen: Sprache, Vorwissen, Erwartungen.
Schon allein die Arbeitssprache Englisch war nicht für alle leicht. Und auch die Vorstellungen davon, was „Lernen“ bedeutet, waren sehr verschieden. Manche wünschten sich eher klassische Wissensvermittlung – Frontalvortrag, Folien, Fakten.
Wir mussten immer wieder erklären: Hier geht es nicht um Fachvermittlung, sondern um Reflexion und Didaktik. Wir arbeiten auf der Metaebene. Das war für manche ungewohnt, aber letztlich sehr fruchtbar.
Was war das Besondere an dieser Gruppe?
Zum einen sicher die sprachliche Vielfalt, zum anderen die unterschiedlichen Erwartungen.
In europäischen Projekten bringen die Partnerländer oft verschiedene Interessen und Ausgangsbedingungen mit. So war etwa das Konzept der Caring Communities für die österreichische Gruppe etwas völlig anderes als für die rumänische.
Spannend war auch dieses Wechselspiel von Nähe und Distanz: Wir haben uns in den Modulen sehr intensiv erlebt, dazwischen lagen Monate und hunderte Kilometer. Dieses Pendeln zwischen starker Verbundenheit und großer räumlicher Distanz hat die Zusammenarbeit geprägt.
Du hast oft über Gruppenprozesse gesprochen. Was konntest du aus dieser Erfahrung lernen?
In Gruppen gibt es immer zwei Pole: Integration – also das Bedürfnis nach Zugehörigkeit – und Differenzierung – das Bedürfnis, sich als eigenständig zu erleben.
Diese Spannung war bei iCare besonders stark spürbar. Es gab Momente des Reibens, Stereotypisierungen, Missverständnisse – aber genau das zeigt, dass Entwicklung passiert.
Aus gruppendynamischer Sicht war das fast ein Modellbeispiel: Wir konnten gut beobachten, wie Gruppen durch diese Phasen gehen, sich auseinandersetzen und wieder zusammenfinden. Das ist letztlich der Kern jeder Lern- und Veränderungsarbeit.
Und dein persönliches Fazit – was nimmst du aus dem Projekt mit?
Lernen ist immer auch politisch. Gruppen sind für mich die kleinste politische Einheit. In ihnen entstehen Veränderung, Solidarität und Verantwortung. Wenn Menschen miteinander und voneinander lernen, entsteht Gesellschaft im besten Sinn.
Das Gespräch führte Marianne Buchegger
Dr.Johannes Jurka ist Psychotherapeut (Existenzanalyse und Logotherapie) in freier Praxis. Seine Schwerpunkte als Coach, Supervisor, Moderator und Berater liegen in der Begleitung von Organisationen des Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereichs. Für das iCare Projekt hat Johannes Jurka die Train-the-Trainer Module geleitet und das Curriculum mit entwickelt. Jurka lebt und arbeitet in Wien. https://www.johannes-jurka.at/
„iCare – an International Integrated perspective in palliative CARE for dignity and proper support in ageing and approaching end of life“ ist ein innovatives, interprofessionelles und partizipatives Erasmus+ Projekt unter der Leitung der Organizatia Umanitaria Concordia, Rumänien, in Zusammenarbeit mit dem Kardinal König Haus, Wien, und der Polytechnischen Universität von Leiria, Portugal. Von Februar 2024 bis Dezember 2025 finden sich insgesamt 25 Teilnehmer:innen, Trainer:innen und Vortragende aus Österreich, Rumänien und Portugal in 5 Modulen zusammen, um das „gute Leben und Sterben“ zu reflektieren und zu gestalten.
