Ein Gespräch mit Frank M. Amort über queeres Altern, Sterben und die Bedeutung von Caring Communities
Interview: Rainer Simader
Queeres Altern und Sterben bleibt eine Leerstelle – sowohl in der Pflegepraxis als auch in der Forschung. Während es in Deutschland bereits einzelne Modellprojekte gibt – etwa queere Wohnprojekte oder Sensibilisierungsprogramme für Pflegekräfte –, ist das Thema in Österreich noch kaum institutionalisiert. HOSPIZ ÖSTERREICH beschäftigt sich seit einiger Zeit intensiver mit der Frage, wie ‚Caring Communities‘ auch für queere Menschen geöffnet werden können: Netzwerke aus Nachbar:innen, Vereinen und professionellen Diensten, die füreinander Sorge tragen. Doch die Realität zeigt, dass viele queere Menschen ihre eigenen Sorgegemeinschaften längst selbst geschaffen haben – Freundeskreise, Wahlfamilien, Communities. Die Herausforderung besteht darin, diese Strukturen mit den bestehenden Systemen zu verbinden. Letztendlich gilt: Man muss dorthin gehen, wo die Leute sind.
Über Sichtbarkeit und Verletzlichkeit
Frank, sind Menschen, die der LGBTIQ+-Community angehören, am Lebensende besonders vulnerabel?
Medizinisch gesehen nicht – sie erkranken an denselben Dingen wie andere Menschen auch: Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, alles, was im Alter eben vorkommt. Und Belastungen im Bereich mentaler Gesundheit würde ich auch nicht als besondere Vulnerabilität sehen. Was sie aber auszeichnet, ist die biografische Erfahrung. Viele queere Menschen, vor allem die älteren Generationen, haben gelernt, sich zu verstecken. Wer in Österreich vor 1972 aufgewachsen ist, wusste: Homosexualität war strafbar. Dieses Erleben prägt – und führt dazu, dass manche auch im Alter Angst haben, wieder unsichtbar werden zu müssen.
Das heißt, die größere Verletzlichkeit liegt in der Biografie?
Genau. Es geht weniger um Krankheit, sondern um emotionale Gesundheit die Furcht, im Pflegeheim oder im Hospiz die eigene Identität zu verleugnen. Viele berichten, dass sie Fotos wegräumen, wenn der Pflegedienst kommt. Diese Sorge ist real – auch wenn sich vieles verbessert hat.
Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung
Gibt es dafür auch positive Gegenbeispiele?
Ja, und das sind schöne Geschichten. Ich kenne etwa die Situation eines Mannes, der zu einer Operation ins Krankenhaus kam, begleitet von seinem Partner. Das Personal hat sofort verstanden, dass die beiden zusammengehören – ohne, dass sie sich erklären mussten. Solche Erlebnisse geben Hoffnung. Aber die Unsicherheit bleibt: Man weiß nie, wem man gegenübersteht. Manche Einrichtungen sind sensibel, andere weniger.
Wie sollten Einrichtungen damit umgehen?
Mit Achtsamkeit, nicht mit Symbolpolitik. Ich will nicht, dass mir das System vorschreibt, wie schwul ich im Altersheim zu sein habe. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen mit ihrer ganzen Biografie willkommen sind – ohne Klischees. Diversity und die Regenbogenfahne dürfen kein Etikett sein, sondern muss gelebte Haltung und Kultur werden.
Welche Rolle spielen Caring Communities, also Netzwerke für queere Menschen
Eine zentrale. Viele organisieren ihre Unterstützung über Wahlfamilien – Freund:innen, die füreinander da sind, wenn jemand krank wird. Das sind informelle Netzwerke, die oft besser funktionieren als staatliche Strukturen. Wenn man über Caring Communities spricht, muss man auch sehen, dass Community nicht immer territorial ist – sie kann auch identitätsbasiert sein.
Gibt es Best-Practice-Beispiele?
Queere Wohnprojekte, vor allem in Deutschland und Frankreich. Da leben jüngere und ältere Menschen gemeinsam, unterstützen sich gegenseitig. In Österreich steckt das noch in den Kinderschuhen.
Über Dialogräume und fehlende Themen
Was müsste passieren, damit mehr Menschen über ihr eigenes Altern nachdenken?
Wir brauchen Dialogräume. Orte, an denen man sagen darf: „Wie stelle ich mir mein Altwerden als queerer Mensch vor?“ Viele meiner Bekannten sind um die sechzig. Wenn wir zusammensitzen, reden wir irgendwann über barrierefreie Duschen – und lachen dabei. Das ist befreiend, weil wir merken: Wir dürfen auch alt werden, ohne dass das peinlich ist. Solche durchaus humorvolle Gespräche sind Gesundheitsförderung im besten Sinn.
Wer sollte solche Räume schaffen?
Alle gemeinsam: Hospiz- und Pflegeorganisationen, queere Vereine, Bildungseinrichtungen bis hin zu kirchlichen Organisationen. Es ist erschreckend, wie wenig das Thema Alter in queeren Organisationen vorkommt. Coming-out, Jugend, Sexualpädagogik – alles wichtig. Aber Altwerden gehört genauso zur Lebensrealität. Und da sind viele Emotionen und Sinnfragen, die aufpoppen.
Der Psychotherapeut Johannes Wahala sagt, er sorge sich besonders um ältere schwule Männer und um trans Personen. Siehst du das auch so?
Ja, besonders bei Männern über 50 beobachte ich viel Einsamkeit. Die Szene, in der sie früher Anschluss fanden, existiert kaum noch. In einem stark individuell ausgerichteten Leben fehlen dann oft lebensweltliche Begegnungsräume. Und ja: Bei trans Personen kommt noch viel Unwissenheit im Gesundheitssystem dazu. Da herrschen oft Unsicherheiten und Ängste auf beiden Seiten und führt mitunter sogar schlechterer Gesundheitsversorgung.
Was wäre deiner Meinung nach nötig?
Begegnungsräume. Nicht unbedingt altersgetrennt, sondern generationenübergreifend. Queere Wandergruppen, Kulturabende, Gesprächsrunden – alles, was Vernetzung schafft. Es geht darum, Einsamkeit vorzubeugen, bevor sie krank macht. Und das gelingt nur partizipativ, also gemeinsam mit den Betroffenen, nicht von oben herab geplant.
„Bildung ist der Schlüssel“
Was können Aus- und Weiterbildung und Lehre beitragen?
Sehr viel. Wenn man in den Ausbildungen zu Gesundheit und Sorgearbeit nie etwas über queeres Leben gehört hat, wie soll man dann sensibel reagieren? In meiner Lehre versuche ich, Diversität selbstverständlich zu machen – nicht als Sonderthema, sondern als Realität. Nur so kommt es irgendwann auch in der Praxis an.
Nachklang
Queeres Altern ist kein Nischenthema, sondern eine Frage von Würde und Teilhabe. Frank M. Amort plädiert dafür, die Vielfalt von Lebensentwürfen bis ins hohe Alter sichtbar zu halten – ohne Romantisierung, aber mit Respekt. Denn: „So queer kann man gar nicht sein, dass man keine barrierefreie Duschkabine braucht“, sagt er lachend – und fasst damit die ganze Spannung zwischen Alltag, Humor und Ernst zusammen, die dieses Thema prägt.
Frank Amort absolvierte eine sozialwissenschaftliche Fächerkombination an der Universität Wien (Sponsion 1994) mit den Schwerpunkten Gesundheitskommunikation und -soziologie. Darauf folgte eine langjährige praktische und leitende berufliche Erfahrung (1994 – 2009) im Bereich der zielgruppenspezifischen und HIV-bezogenen Gesundheitsförderung sowie Mitarbeit bei zahlreichen EU-Projekten mit angewandter Forschung im Bereich HIV/AIDS. Nachfolgend (2009 – 2010) Master Salud Pública Internacional an der Escuela de Sanidad und Absolvierung des zweijährigen (2010 – 2012) Master Epidemiología Aplicada de Campo (beide Instituto Carlos III, Madrid). 2018 Promotion zum Dr. phil für Palliative Care und Organisationsethik an der Universität Klagenfurt. Er ist Assoz. Prof. für Public Health und Gesundheitsmanagement an der FH JOANNEUM.
