Ergänzend zu den „Sorgenden Gemeinschaften / Caring Communities“, die heuer im Zentrum unseres Blogs stehen, haben wir auch Kontakt zu gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen außerhalb der Gesundheitsberufe gesucht, die in ihrem Berufsalltag mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer zu tun haben.
Hofrätin Dr. Angelika Schäffer-Fischill, Msc., Leiterin der Mitarbeiter:innenbetreuung der Landpolizeidirektion Wien, hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mit uns über den Umgang mit diesen Themen bei der Polizei zu sprechen.
Welche Begegnungen mit Sterben, Tod und Trauer gibt es denn bei der Polizei?
Schäffer-Fischill: Das Spektrum der Berührungspunkte mit dem Tod im Polizeidienst ist recht breit. Daher werden Polizistinnen und Polizisten schon in der Grundausbildung darauf vorbereitet, dass sie einen Beruf haben, in dem sie mit dem Tod in unterschiedlichen Formen zu tun haben werden. Das müssen nicht immer Gewaltdelikte sein, sondern beispielsweise auch natürliche Todesfälle, wenn jemand etwa im eigenen Wohnbereich verstirbt oder schwerverletzte Autounfallopfer versterben. Das heißt, der Tod ist im Einsatzgeschehen eigentlich allgegenwärtig. Es kommt aber auf das Tätigkeitsfeld an. Exekutivbedienstete im Außendienst haben generell öfter mit Todesfällen zu tun als zum Beispiel Kriminalbeamte, die im Bereich der Wirtschaftskriminalität ermitteln. Und dann gibt es auch Kolleg:innen, die nur indirekt durch die Aktenbearbeitung in der Verwaltung mit dem Tod zu tun haben.
Und wie werden die Polizisten und Polizistinnen, die Polizeischülerinnen darauf vorbereitet?
Etwas, auf das man gut vorbereiten kann, ist das Überbringen von Todesnachrichten. Daher findet sich dieses Thema auch im Lehrplan der Grundausbildung und in weiterführenden Kursen. Das heißt, ich lerne, wie wird das gemacht, worauf muss ich achten? Was bedeutet ‚sensible Gesprächsführung‘ oder welche Deeskalationsstrategien kann ich anwenden? Welche Verhaltensweisen sind typisch, wenn Hinterbliebene vom Tod eines Angehörigen erfahren? Junge Polizisten und Polizistinnen werden darauf vorbereitet, was auf sie zukommt. Vorgesehen ist, dass sie nicht gleich selbst solche Amtshandlungen führen, sondern dass sie erfahrene Bediensteten begleiten und von ihnen die Gesprächsführung lernen.
Wie ist das mit der persönlichen Begegnung mit dem Tod? Zum Beispiel, wenn eine Wohnung aufgebrochen und tatsächlich darin eine verstorbene Person gefunden wird. Es kann ja sein, dass ein junger Polizist, eine junge Polizistin, noch nie einen toten Menschen gesehen hat.
Wir als Mitarbeiterbetreuung stehen bei Fragen immer zur Verfügung und unterstützen die Kolleg:innen. Zum Beispiel, wenn jemand sagt: ‚Ich habe jetzt so viele Todesfälle hintereinander gehabt, ich möchte das aufarbeiten.‘ Es werden von uns auch Seminare zum Thema der eigenen Endlichkeit angeboten. Diese Auseinandersetzung mit und das Aufarbeiten von eigenen Ängsten ist wichtig und hat immer auch Auswirkungen auf das Verhalten im Einsatzgeschehen. Wenn jüngere Kolleg:innen, im Dienst zum ersten Mal einen Leichnam sehen, bieten wir Unterstützung durch erfahrene Kollegen oder durch den Peer-Support an, wir nennen das innerhalb der Polizei auch Laienhelfersystem, Kolleg:innen für Kolleg:innen sozusagen, um Dinge in der Gruppe aufzuarbeiten oder zu besprechen. Einzelpersonen können sagen: ‚Mich hat diese Situation sehr belastet, ich möchte darüber sprechen.‘ Dann gibt es verschiedene Unterstützungsangebote und Seminarreihen dazu, auch Fachpersonal, also Psycholog:innen. Aber vor allem sind es Kolleg:innen mit Zusatzausbildung, die dann nach potenziell traumatisierendem Einsatzgeschehen für die Kollegenschaft da sind.
Der Beruf des Polizisten, der Polizistin ist ja nicht ganz ungefährlich. Der eigene Tod passiert hoffentlich nicht, ist aber nicht komplett unwahrscheinlich, sondern eventuell wahrscheinlicher als in anderen Berufen. Wird darauf auch vorbereitet?
Auf die Thematik ,Stress und traumatischer Stress‘ wird in sämtlichen Ausbildungen eingegangen, ebenso wie auf die potenzielle Gefahr, die von aggressiven Tätern ausgehen kann. Dabei geht es aber nicht um Panikmache, sondern um realistisches Einsatztraining. Wie kann ich beispielsweise in einer Amoklage vorgehen? Wie kann ich die Bevölkerung schützen, wie kann ich mich selbst schützen?
Wenn es unglücklicherweise passiert: Wie geht man mit dem Tod in der Kollegenschaft um? Gibt es da einen Usus?
Wenn ein Kollege im Aktivstand eines natürlichen Todes verstirbt (betrifft nur natürliche Todesfälle, keine tödlichen Verletzungen im Dienst), wird das Referat für Mitarbeiterbetreuung standardisiert, wie alle anderen Dienststellen auch, informiert und wir rufen dann die betroffene Dienststelle an. Wir fragen nach, ob die Kolleg:innen etwas brauchen oder ob wir sie unterstützen können. Es macht einen Unterschied, wie plötzlich der Tod passiert. Wenn jemand schwer erkrankt und zwei Jahre nicht mehr im Dienst war, ist die Vorbereitung auf das Ende und die Betroffenheit ganz anders, als wenn jemand ganz plötzlich und unerwartet verstirbt, obwohl man beispielsweise vor einer Stunde noch mit ihm oder ihr telefoniert hat. Natürlich stellen sich die Kolleg:innen dann auch Fragen: ‚Wie konnte das passieren?‘ Oder, wenn es um Suizid geht: ‚Habe ich etwas übersehen? Hätte ich etwas merken müssen?‘ Daher gibt es auch das Angebot der Polizeiseelsorge und auch hier wieder den Peer-Support. Versterben Beamt:innen im Zuge von Amtshandlungen und gibt es vielleicht auch großes mediales Aufsehen, dann geht die Betreuung auch oft in Richtung Krisenintervention. Es gibt zahlreiche Angebote an Kolleg:innen, über ihre Empfindungen, Ängste und Sorgen zu reden.
Über welche Themen wollen die Kolleg:innen dann sprechen?
Viel Redebedarf gibt es vor allem, wenn ein Suizid innerhalb der Kollegenschaft passiert ist. Da kommen, wie auch in anderen Settings, die Fragen: ‚Hätten wir etwas merken müssen?‘ oder ‚Wieso haben wir nichts gemerkt?‘ oder ‚Hätte man es verhindern können?‘ Manchmal kommen Schuldgefühle und sehr viele Warum-Fragen auf, zu denen es keine klaren Antworten gibt. Auch Unsicherheiten mit dem weiteren Prozedere treten auf: ‚Darf ich gewisse Dinge sagen?‘, ‚Wann darf der Schreibtisch geräumt werden, wenn jemand verstorben ist?‘ oder ‚Ist es pietätlos, wenn das Büro des Kollegen weitergegeben wird bzw. das Türschild gewechselt wird?‘
Gibt es hier ein Standardprozedere?
Ein Prozedere gibt es bei den Aktenläufen, es ist beispielsweise standardisiert, wann Namen aus Listen entfernt werden. Alles andere ist sehr individuell. Bei einem tragischen Fall hat die Dienststelle ein Zimmer eingerichtet, mit Kerzen, mit Gedenktafel und die Kolleg:innen haben dort über Wochen seiner gedacht, getrauert und sich verabschiedet. In einer anderen Polizeiinspektion stellten die Kolleg:innen für einen verstorbenen Beamten ein Bild mit LED-Kerze auf und entfernten dieses nach einem Monat wieder. In vielen Dienststellen hängen alle Parte-Zetteln von verstorbenen Kolleg:innen dauerhaft für alle sichtbar wie auf einer Ahnentafel. Wir sagen: Das, was die Gruppe für gut empfindet, passt dann auch in der Trauerarbeit für sie. Trauer ist so individuell und höchstpersönlich, dass jede Dienststelle wie ein eigenes Universum ist. Die einen sagen: ‚Wir lassen das Bild eines verstorbenen Kollegen für immer hier hängen‘ und andere sagen: ‚Wir haben den Kollegen im Herzen, aber das Bild muss hier nicht mehr stehen.‘
Ganz besondere Bedeutung haben für Kolleg:innen Verabschiedungsrituale. Das hat auch mit Symbolik zu tun: ‚Der Verstorbene war einer von uns. Ein Polizist.‘ Verabschiedung in Uniform, mit Kondukt, mit Musik am Grab – das wollen viele Kolleg:innen, aber oft entspricht das nicht den Bedürfnissen der Angehörigen. Deren Wünsche werden natürlich respektiert und man findet Kompromisse. Zum Beispiel nimmt die Kollegenschaft bei der Einsegnung nicht teil, aber sie können sich einen Tag nach der Einsegnung in aller Ruhe vom Kollegen, von der Kollegin verabschieden.
Da merkt man, dass viele Polizist:innen eine Struktur brauchen, ein Protokoll, das ihnen wieder Sicherheit gibt. Rituale sind, glaube ich, gerade bei der Polizei ein großes Thema.
Verabschiedungen sind ja für alle wichtig, also auch für die Zivilbevölkerung.
Ja, es gibt auch Situationen, in denen ein Hinterbliebener zum Unfallort kommt und sagt: ‚Ich möchte meinen Angehörigen noch einmal sehen und mich vor Ort verabschieden.‘ Dann muss der Exekutivbeamte natürlich abwägen: Wie sieht die verstorbene Person aus? Kann ich das überhaupt jemandem zumuten? Graut mir vielleicht selbst ein bisschen und ich sage: ‚Schauen Sie sich das nicht an!‘ Und andererseits: Wer bin ich, dass ich das jemandem verwehre? Das sind hochkomplexe Situationen und deshalb ebenfalls Inhalt von Schulungen.
Es gibt Situationen, in denen es nicht möglich ist, einem Angehörigen den Zugang zu einer verstorbenen Person zu erlauben. Beispielsweise, wenn es sich um ein Verbrechensopfer handelt und der Tatort gesichert werden muss, oder, wenn der Leichnam komplett entstellt ist. Ist dies nicht der Fall, spricht prinzipiell aber nichts dagegen, Angehörigen einen Moment mit der verstorbenen Person zu gewähren. Bei einer solchen Verabschiedung ist es für den Angehörigen oft schon tröstlich, wenn er wenigstens eine Hand (vielleicht gerade die mit dem Ehering) oder ein anderes Körperteil (etwa mit einer unverkennbaren Tätowierung) des Hinterbliebenen sehen darf. Denn für die meisten ist es sehr, sehr wichtig, sagen zu können: Ja, ich habe den Angehörigen noch einmal angreifen und mich verabschieden oder ein Gebet sprechen können.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass eine solche Verabschiedung für das Begreifen des Todes sowie für den Start des Trauerprozesses elementar ist. Daher ist es wichtig, dass das auch den Exekutivbeamten bewusst ist, dass sie, wenn die Umstände es erlauben, den Angehörigen diese Möglichkeit des Abschieds vor Ort einräumen können.
Welche sind die schwierigsten Momente im Zusammenhang mit diesem Thema?
Ganz schwierig ist es, wenn Kolleg:innen durch fremde Hand im Einsatzgeschehen schwer verletzt werden oder versterben. In so einem Moment wird die eigene Endlichkeit ein großes Thema und der Gefährdungsmoment für einen selbst real: ‚Das hätte auch ich sein können!‘.
Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit den Belastungsreaktionen von Einsatzkräften befassen. Zu den stärksten Belastungssituationen zählen Todesfälle oder schwere Verletzungen von Kolleg:innen und Kindern. Aber auch das Überbringen von Todesnachrichten zählt zu den belastenden Momenten im Polizeialltag.
Und was würden Sie sagen – auch in diesem Themenbereich – was funktioniert gut? Was ist gut gelöst?
Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren sehr, sehr viel zum Positiven entwickelt hat in der Gesprächskultur, auch in den Betreuungs- und Beratungsangeboten innerhalb der Exekutive. Die jungen Kolleg:innen gehen ganz anders mit der psychischen Gesundheit um, für sie ist es kein Zeichen von Schwäche, über Einsatzgeschehen zu reden, das eventuell auch aktiv einzufordern und es aufzuarbeiten. Es hat sich schon sehr viel entwickelt, auch im Zusammenspiel mit jüngeren und älteren Generationen, die voneinander lernen und profitieren. Im Vergleich zu vor 30 oder 40 Jahren hat sich nicht nur das Einsatzgeschehen verändert, sondern auch die Schulungsangebote und die Unterstützungsmöglichkeiten.
Wie geht es heute zwischen den Generationen?
Innerhalb der Polizei suchen die jungen Kolleg:innen oft bei den erfahreneren Beamt:innen Rat: ‚Wie machst du das? Wie gehst du mit Angehörigen von Verstorbenen um?‘. Aber auch die Generation Z hat viele Stärken, von denen die älteren Generationen lernen können: Gesundheit, Ausgleich und Selbstschutz stehen für die Jungen stärker im Vordergrund. Da tut sich momentan sehr viel und auch im Umgang mit der eigenen Endlichkeit hat sich vieles verändert, wenngleich über den Tod zu sprechen nach wie vor scham- und angstbehaftet ist.
Es hat sich so viel verändert, hat sich auch das Tabu Tod verändert?
Für uns als Referat für Mitarbeiterbetreuung schon, weil wir sehr viel mit dem Thema arbeiten. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, den Tod aus der Tabuzone zu holen und greifbarer zu machen, um eigene Ängste und dadurch auch die Furcht vor entsprechenden Amtshandlungen zu verringern. Die Vermeidung der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und der Endlichkeit anderer wirken sich auf Amtshandlungen mit verstorbenen Menschen und ihren Hinterbliebenen aus, die dann als konfliktreich oder emotional aufwühlend betrachtet werden. Wir möchten dieses Tabu daher ein Stück weit brechen. Das Schöne bei unseren Seminaren ist, dass alle Hierarchieebenen teilnehmen. Da sitzen Offiziere neben den jungen Inspektor:innen und alle reden über das gleiche Thema. Dienstgrade spielen keine Rolle, wenn es um eigene Verluste, um Ängste und um Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Tod geht. Da ist man Mensch, hört sich gegenseitig zu und lernt voneinander. Das finde ich eine schöne Herangehensweise, um zu sensibilisieren und mit dem Thema Tod umzugehen.
Gibt es irgendetwas, was die Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang wissen sollte?
Die Polizei wird oft etwas martialisch dargestellt, in Einsatzuniform auf Demonstrationen zum Beispiel. Und ja, der Polizist/die Polizistin geht in Situationen, aus denen andere sich in Sicherheit flüchten. Aber hinter oder in der Uniform steckt immer ein Mensch mit Emotionen, Ängsten, Sorgen, wie jeder andere auch. Das vermisse ich manchmal in der medialen Darstellung, dass Polizisten auch Menschen sind und wir auch füreinander da sind. Es wäre schön, wenn die Medien diesen Aspekt auch manchmal aufgreifen würden, Polizist:innen sind Menschen und keine Roboter. Niemand ist perfekt und gerade, wenn es um das Thema Tod und Sterben geht, sind viele Dinge relativ und nichts perfekt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Catrin Neumüller.
Hofrätin Dr. Angelika Schäffer-Fischill, Msc., begann ihre Karriere als Polizistin und war unter anderem Lehrerin an der Polizeischule mit den Schwerpunkten Recht, Persönlichkeitsbildung und Menschenrechte. Als Klinische-, Gesundheits- und Notfallpsychologin ist sie Vortragende am Juridicum Wien und an der Donauuniversität Krems und leitet die Mitarbeiter:innenbetreuung der Landpolizeidirektion Wien.
