Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Es war erstaunlich leicht, das Thema Tod anzusprechen

veröffentlicht am

Doris Hörler im Gespräch mit Rainer Simader über das Projekt FRAUENzimmer* im Bezirk Neusiedl am See

Das Projekt „FRAUENzimmer“ hatte das Ziel, Frauen ab 60 Jahren im ländlichen Raum zu stärken und zu vernetzen. In mehreren Gemeinden im nördlichen Burgenland wurden sensible, oft tabuisierte Themen wie Altern, Pflege, Einsamkeit und das Lebensende aufgegriffen. Rainer Simader sprach mit der Projektleiterin Doris Hörler über ihre Erfahrungen, Herausforderungen in der Region Seewinkel und was sie aus dem Projekt mitnimmt.

Liebe Doris, worum ging es im Projekt FRAUENzimmer genau?

FRAUENzimmer war ein regional begrenztes Pilotprojekt im Bezirk Neusiedl am See, mit dem Fokus auf Frauen ab 60 Jahren in ländlichen Regionen. Ziel war es, die Teilhabe und Sichtbarkeit dieser Zielgruppe zu stärken – sowohl gesellschaftlich als auch im Kontext von Beratung und Information.

Was waren konkrete Inhalte oder Veranstaltungen des Projekts?

Wir haben unterschiedlichste Veranstaltungen angeboten – thematisch breit gefächert, aber alle mit einem Fokus auf das Leben im Alter. Dazu gehörten zum Beispiel:

  • „Älterwerden – Geschenk oder Zumutung?“
  • Vorträge zu Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht
  • Pflege in der Familie: „Pflege macht keine Sommerpause“
  • Workshops zur digitalen Teilhabe
  • Und natürlich Veranstaltungen zum Thema Hospiz, Palliative Care, Tod und Lebensende, wie „99 Fragen an den Tod“.

Dazu kamen spontane, themenoffene Nachmittage, die den Austausch und die Vernetzung unter den Teilnehmerinnen förderten.

Wie war die Resonanz in der Region?

Sehr positiv. Auch Frauen unter 60 fühlten sich angesprochen, was zeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden schon früher beginnt. Die älteste Teilnehmerin war übrigens fast 90! Bemerkenswert war, wie offen der Austausch untereinander wurde – es war ein großer Bedarf da, über das Älterwerden zu sprechen.

Wie erleben Sie die Region Seewinkel aus sozialer Perspektive?

Der Seewinkel ist eine exponierte Region mit hoher sozialer Kontrolle und großem Schamgefühl im Umgang mit sensiblen Themen. Es gibt nach wie vor viele Tabus – insbesondere, wenn es um Pflege, Tod oder Einsamkeit geht. Gleichzeitig besteht dort ein starkes Netzwerk, das, wenn es aktiviert wird, sehr offen ist. Sobald eine vertrauensvolle Gruppe entsteht, kann ehrlicher, mutiger Austausch stattfinden.

Warum haben Sie entschieden, Themen wie Tod, Sterben und Lebensende in das Projekt aufzunehmen?

Dafür gab es zwei Beweggründe: Zum einen beruflich – ich arbeite als Sozialarbeiterin in einer Frauen- und Familienberatungsstelle und habe gemerkt, wie oft diese Themen unsere Klientinnen beschäftigen, gerade im Zusammenhang mit Pflege von Partnern oder eigenen gesundheitlichen Sorgen. Gleichzeitig war das Thema aber kaum präsent im Beratungsalltag – unter anderem wegen Scham oder Unsicherheit.

Zum anderen hatte ich einen persönlichen Zugang: Ich bin in psychotherapeutischer Ausbildung und habe ein Praktikum in einem Pflegezentrum absolviert. Dort habe ich erlebt, wie wichtig es ist, Menschen am Lebensende ernst zu nehmen, mit ihnen zu sprechen und ihnen Raum für ihre Emotionen zu geben. Das hat mich tief berührt und war ein entscheidender Impuls für die inhaltliche Ausrichtung des Projekts.

Wie wurden die Veranstaltungen zu diesen sensiblen Themen angenommen?

Überraschend gut. Es war eine große Offenheit spürbar – vor allem, wenn es um Fragen wie Palliativversorgung, selbstbestimmtes Sterben oder rechtliche Vorsorge ging. Viele Frauen haben für sich oder Angehörige Informationen gesucht. Besonders spannend war, wie unterschiedlich die biografischen Hintergründe waren – von Frauen in akuter Trauer bis hin zu jenen, die einfach frühzeitig planen wollten. Und es wurde auch gelacht! Humor hatte seinen Platz, was die Leichtigkeit gefördert hat, mit der die Gruppe mit dem Thema umgegangen ist.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Region, insbesondere für ältere Menschen?

Die zunehmende Vereinsamung. Früher war Mehrgenerationenwohnen selbstverständlich, heute leben Kinder und Enkel oft weit weg – sei es wegen Ausbildung oder Arbeit. Einsamkeit ist eine reale Bedrohung, gerade für ältere Frauen. Gleichzeitig ist es schwierig, Menschen in prekären sozialen Lagen oder mit wenig Bildung zu erreichen. Das sind genau jene, die Angebote am dringendsten bräuchten, aber aus Scham oder fehlendem Zugang oft keinen Kontakt finden. Da helfen leider auch gut gemeinte Veranstaltungen oft nicht – diese Gruppen bräuchten aufsuchende, individuelle Angebote.

Was hat aus Ihrer Sicht besonders gut funktioniert?

Die Kombination aus Expert:innen-Input, Gruppenatmosphäre und informellem Austausch. Besonders wichtig war ein geschützter Raum – das hat eine Dynamik entstehen lassen, in der sich viele geöffnet haben. Oft war der Moment, wenn sich eine Teilnehmerin als Erste emotional gezeigt hat, der Wendepunkt. Danach entstand echte Tiefe. Und: Kleinigkeiten wie Kaffee, Snacks und ein Büchertisch mit Literatur haben zur Atmosphäre beigetragen.

Wie war das Projekt organisatorisch aufgebaut?

Wir haben in vier Gemeinden gearbeitet – Neusiedl am See, Frauenkirchen, Potzneusiedl und Gols. Unterstützt wurden wir dabei vor allem von den Gemeinden selbst. Und die Bürgermeister waren oft wichtige Partner. Die Veranstaltungen fanden vor Ort statt, damit die Frauen keine langen Wege auf sich nehmen mussten. Jede Einheit dauerte etwa 90 Minuten, wobei wir diese Zeit fast immer überzogen haben – aus gutem Grund. Ich selbst habe moderiert, die Expert:innen eingeführt und die Beratungsstelle vorgestellt. Ziel war auch, unser Angebot bekannter zu machen – mit Erfolg: Die Zahl der Frauen über 60, die uns in der Beratungsstelle aufsuchten, hat sich mehr als verdoppelt.

Abschließend, was nehmen Sie persönlich mit?

Dass es sich lohnt, den Menschen diese Themen zuzumuten. Es braucht nicht viel – ein vertrauensvoller Rahmen, ein bisschen Mut zur Offenheit, ein wenig Humor – und schon wird ein schwieriges Thema zu einem, das entlastet, verbindet und stärkt. Ich habe gesehen, wie befreiend es ist, über den Tod zu sprechen. Und, dass das Lachen dabei nicht fehlen muss.

Das Gespräch führte Rainer Simader.

Doris Hörler ist Sozialarbeiterin und psychogerontologische Beraterin in der Frauen- und Familienberatungsstelle „Der Lichtblick“ in Neusiedl am See sowie Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision (Verhaltenstherapie) in freier Praxis
doris.hoerler@der-lichtblick.at oder +43 2167 3338
*Das Projekt Frauenzimmer fand von Herbst 2023 bis Dezember 2024 statt und wurde vom Bundeskanzleramt gefördert.