Ein Gespräch über Akademisierung, Vernetzung und die Frage, wie Palliative Care auch in der Grundversorgung stärker verankert werden kann.
Braucht es wirklich einen Masterabschluss, um qualitätsvoll im Feld Hospiz und Palliative Care zu arbeiten? Oder reicht eine fundierte Ausbildung mit entsprechender Vertiefung und viel Praxiserfahrung? Diese Frage klingt zunächst provokant – führt aber mitten hinein in eine aktuelle Diskussion: Welche Kompetenzen braucht es, um Hospiz und Palliative Care nicht nur in der direkten Begleitung von Menschen, sondern auch auf organisationaler und struktureller Ebene weiterzuentwickeln.
Regina Lindenhofer MSc. ist selbst „Master in Palliative Care“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Hospiz und Palliative Care, einerseits in einem Stationären Hospiz, vor allem aber in der Grundversorgung. Sie hat unterschiedliche Entwicklungen des Feldes miterlebt und als HPCPH Multiplikatorin maßgeblich mitgestaltet.
In unserem Gespräch geht es um die Bedeutung akademischer Ausbildung, um Vernetzung und gemeinsame Entwicklung – aber auch um die große Herausforderung, spezialisierte Hospiz und Palliative Care und Grundversorgung stärker miteinander zu verbinden.
Wozu braucht es einen Master in Palliative Care?
Das ist tatsächlich eine provokante Frage. Aus meiner Sicht braucht es einen akademischen Abschluss um die eigene Fachexpertise auf wissenschaftlicher Basis einsetzen zu können.
Es geht darum, Versorgungskonzepte zu entwickeln, neu zu denken, zu überarbeiten und an die aktuellen Anforderungen anzupassen. Auch Qualitätsstandards, Handlungsleitlinien und Prozesse müssen weiterentwickelt oder neu entworfen werden. Die Grundlage dafür bilden eine wissenschaftliche Basis und der sichere Umgang mit empirischer Evidenz.Ein Masterstudium ermöglicht es, fachlich und organisational sicherer zu arbeiten und an Entwicklungen mitzuwirken. Mit einem breit aufgestellten Wissen kann ich größer denken, und Qualität weiterentwickeln.
Hospiz und Palliative Care ist zugleich ein sehr praxisnahes und interprofessionelles Feld. Welche Rolle spielt das Studium da?
Für mich war die Vernetzung ganz wesentlich. Ich war schon vor dem Masterstudium ein Stück weit vernetzt, aber im Studium ist dieVernetzung noch einmal auf einer ganz anderen Ebene passiert.
Ich weiß heute genau, wen ich zu welchem Thema anrufen kann, wenn ich eine Frage habe oder Verbündete brauche. Ein Beispiel ist die Weiterentwicklung eines Dokumentationssystems. Ich habe eine Kollegin kontaktiert, die mit demselben System arbeitet, und gefragt: Wie macht ihr das? Wie seht ihr das? Können wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen?
Inzwischen gibt es dafür eine österreichweite Gruppe. Gemeinsam mit dem Systemanbieter wird an einer Weiterentwicklung gearbeitet. Ziel ist es, österreichweit ein gemeinsames Tool zu schaffen und dadurch auch eine gewisse Vergleichbarkeit und Qualität sicherzustellen.
Das zeigt für mich sehr deutlich: Hospiz und Palliative Care ist nicht die Arbeit von Einzelkämpfer:innen. Man kann die Entwicklung nicht allein schaffen, sondern man muss sich austauschen, voneinander lernen und gemeinsam Dinge entwickeln.
Der Master führt also über Themen der unmittelbaren Versorgung hinaus?
Absolut. Ich glaube, dass sich die Aufgaben von Pflegenden in diesem System zukünftig verändern werden. Menschen, die ein Masterstudium absolvieren, werden möglicherweise stärker Führungsaufgaben übernehmen, in der Qualitätsarbeit tätig sein oder auf organisationaler Ebene Entwicklungen vorantreiben.
Und vielleicht werden sie sich auch auf politischer Ebene einbringen – immer mit dem Ziel, im Sinne und zum Wohl der Menschen zu handeln die wir betreuen.
Dafür braucht es neben der praktischen Erfahrung Wissen und Fachexpertise, und eben auch die Fähigkeit, dieses Wissen einzubringen und zu argumentieren.
Gleichzeitig gibt es die Diskussion: Brauchen wir wirklich immer mehr Akademisierung?
Das sehe ich durchaus kritisch. Wir haben extrem auseinanderklaffende Qualitäskriterien in der Versorgung, gerade im Langzeitbereich und bei chronisch kranken Menschen.
In Hospiz und Palliative Care erleben wir eine zunehmende Akademisierung. Das ist einerseits sehr gut, weil wir dadurch ernster genommen werden und im multiprofessionellen Team auf Augenhöhe arbeiten können.
Auf der anderen Seite gibt es Bereiche – zum Beispiel in der Langzeitpflege –, in denen Ausbildung und Spezialisierung einen ganz anderen Stellenwert haben. Dabei sterben gerade dort sehr viele Menschen.
Wir haben also auf der einen Seite eine zunehmende Spezialisierung und Akademisierung und auf der anderen Seite Bereiche, die unter einem enormen finanziellen und personellen Druck stehen. Mir fehlt hier das Ineinandergreifen dieser Strukturen.
Was müsste sich verändern?
Ich glaube, dass spezialisierte Hospiz und Palliative Care-Mitarbeiter:innen viel stärker in Langzeitpflegeeinrichtungen eingebunden werden müssten. Das gibt es teilweise schon, aber noch nicht in dem Ausmaß, wie es notwendig wäre.
Es sollte nicht nur darum gehen, dass jemand im Notfall kommt und „Feuerwehr spielt“. Es braucht ein strukturiertes Vorgehen und dauerhaft verfügbare Expertise.
Eine Möglichkeit könnte ein Konsiliarsystem sein, wie wir es aus dem Krankenhaus kennen. Dafür bräuchte es allerdings auch eine entsprechende Finanzierung. In der Langzeitpflege gibt es derzeit dafür kaum Ressourcen.
Man müsste überlegen: Wie können wir einen gemeinsamen Finanzierungstopf gestalten, sodass spezialisierte Ressourcen auch im Bereich der Grundversorgung eingesetzt werden können?
Wäre dafür eine Novellierung des Hospiz- und Palliativfondsgesetzes nötig?
Das könnte natürlich ein Hebel sein.
Damit könnte man auch Kolleg:innen aus der Grundversorgung gezielt in entsprechende Weiterbildungen oder in ein Masterstudium schicken.
Derzeit erleben wir häufig, dass sich Kolleg:innen aus der Grundversorgung ihre Ausbildung zumindest teilweise selbst finanzieren müssen, weil die Organisationen die Kosten nicht vollständig gegenfinanzieren.
Dabei wäre gerade dieser Bereich so wichtig. Ein großer Teil der Menschen stirbt im häuslichen Umfeld oder in Pflegeeinrichtungen. Wir müssen uns also sehr genau anschauen, wie diese Menschen versorgt werden.
Du hast auch von Kolleg:innen erzählt, die nach einem Masterstudium in ihrer Organisation an Grenzen stoßen. Was meinst du damit?
Ich habe Kolleginnen aus der Grundversorgung erlebt, die ein Masterstudium gemacht haben und danach sehr deutlich gespürt haben: Ich möchte gestalten, ich möchte etwas bewirken – aber ich komme in meiner Einrichtung nicht weiter.
Die Strukturen sind teilweise sehr eng, die Vorgaben ebenfalls. Dazu kommen geringe finanzielle Ressourcen. Und natürlich stellt sich auch für die Organisation und den Träger die Frage: Was ist uns diese Entwicklung wert?
Wir sehen auch international, etwa in Deutschland, dass Menschen mit entsprechender Ausbildung zunehmend in die spezialisierte Versorgung gehen, weil dort die Arbeitsbedingungen ermöglichen, dass sie ihre Kompetenzen auch einsetzen können.
Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die Grundversorgung weiter ausgehungert wird. Und das ist nicht zum Wohl der Menschen, die wir begleiten.
Reicht eine Ausbildung wie HPCPH also nicht aus?
HPCPH ist grundsätzlich wirksam, wenn die Durchschulungsquote gut ist. Es ist eine wichtige Basis. Aber es ist nicht das Allheilmittel.
Wir brauchen mehr Spezialisierung – etwa beim Erkennen von Symptomen, beim Umgang mit Symptomlast und bei spezialisierten pflegerischen Maßnahmen.
Ich bin selbst im Bereich HPCPH als Multiplikatorin tätig und merke, dass Kolleg:innen für komplexe Situationen noch nicht ausreichend ausgebildet sind, um diese allein zu übernehmen. Sie brauchen Unterstützung.
Und genau hier könnte ein Konsiliardienst helfen: Ich weiß, wo ich anrufen kann, wenn ich Unterstützung brauche. Und ich weiß, dass jemand kommt, wenn ich ihn brauche.
Das gibt Sicherheit – den Pflegenden ebenso wie den Bewohner:innen und ihren An- und Zugehörigen. Denn Menschen merken, wenn diejenigen, die sie begleiten, unsicher sind.
Was könnte der Master hier konkret beitragen?
Der Master kann dazu beitragen, strukturelle und organisationale Veränderungen anzustoßen. Dafür braucht es Menschen, die querdenken, kreativ denken und auch bereit sind, Dinge neu zu denken.
Ein Masterstudium bietet die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, internationale Entwicklungen kennenzulernen und wissenschaftliche Literatur zu nutzen.
Wie funktioniert etwas in Norwegen? Was wurde in Spanien, Italien oder Australien entwickelt? Natürlich sind die Systeme nicht eins zu eins vergleichbar. Aber wir können Ideen gewinnen.
Viele Menschen auf der ganzen Welt haben bereits an besseren Versorgungsstrukturen gearbeitet und ihre Erfahrungen wissenschaftlich aufgearbeitet. Genau dort kann ein Masterabschluss ansetzen: Ich habe diese Literatur gelesen, ich habe diese Erfahrungen kennengelernt – wie können wir daraus einen eigenen Prozess entwickeln?
Und damit sind wir auch bei der politischen Ebene.
Ja. Ich glaube, dass Absolvent:innen eines Masterstudiums auch auf politischer Ebene stärker Einfluss nehmen können und sollten – etwa bei Gesetzesvorlagen oder Novellierungen.
Dafür braucht es Menschen, die Expertise mitbringen und gleichzeitig das Selbstbewusstsein haben, diese Expertise einzubringen und zu argumentieren.
Das Studium kann dafür eine wichtige Grundlage schaffen.
Letztlich geht es aber immer um die Menschen, die wir begleiten.
Entscheidend ist: Jeder Mensch braucht etwas anderes.
Es ist nicht zielführend, alles über einen Kamm zu scheren und einen Einheitsbrei zu schaffen. Wir müssen schauen: Welche kleinen Einheiten gibt es? Welche Versorgungssysteme brauchen wir? Was passt zu den jeweiligen Menschen und Regionen?
Wir leben in einer Zeit, in der Hochaltrigkeit zunimmt. Damit stehen wir gerade in der Geriatrie vor großen Herausforderungen. Wir müssen neue Versorgungskonzepte entwickeln – und Palliative Care dabei selbstverständlich mitdenken.
Was wäre dein Wunsch für die Zukunft?
Ich glaube, wir brauchen viel gemeinsames Denken, gemeinsames Entwickeln und gemeinsames Gestalten.
Wir müssen unsere Strukturen weiterentwickeln und dafür sorgen, dass alle Fachkräfte ihre Expertise einbringen können.
Und dafür brauchen wir beides: Kolleg:innen in der Praxis, die täglich begleiten und versorgen – und Menschen, die auf organisationaler und struktureller Ebene die Rahmenbedingungen weiterentwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Marianne Buchegger
