Ein Zwiegespräch zwischen Rainer Simader und einer KI über Hospiz, Palliative Care und die Zukunft
Im Rahmen des Bildungssymposium von HOSPIZ ÖSTERREICH am 23.9.2026 referierte Dr. Tobias Steigleder, Palliativmediziner vom Klinikum Erlangen, über den Einsatz von KI in der Palliative Care.
Rainer Simader, Leiter der Bereiche Bildung und Diversität bei HOSPIZ ÖSTERREICH, hatte daraufhin die Idee, auf Basis dieses Vortrags mit ChatGPT über dieses Thema ein Gespräch zu führen.
Rainer Simader (RS)
Ich sage es gleich zu Beginn: Ich sehe in Künstlicher Intelligenz eine große Chance für Hospiz und Palliative Care. Vor Kurzem hatten wir bei unserem Bildungssymposium einen spannenden und durchaus kontroversen Vortrag von Dr. Tobias Steigleder über Künstliche Intelligenz. Dabei habe ich mich gefragt: Warum betrachten wir KI eigentlich so häufig zuerst unter dem Gesichtspunkt der Gefahr? Natürlich gibt es Risiken. Aber wenn wir über ein Werkzeug verfügen, das große Mengen medizinischer Daten analysieren, Zusammenhänge erkennt und uns bei Entscheidungen unterstützt, dann möchte ich zunächst wissen: Was können wir damit für schwer kranke und sterbende Menschen besser machen?
ChatGPT
Gerade dort, wo viele unterschiedliche Informationen zusammenkommen, können KI-Systeme Menschen unterstützen.
RS
Wir wissen, wie schwierig es sein kann, Krankheitsverläufe einzuschätzen. Gleichzeitig hängen davon wesentliche Entscheidungen ab: Wann braucht ein Mensch Palliative Care? Wann sollten wir Behandlungsziele anpassen? Wann müssen wir Unterstützung vorbereiten? Wenn du aufgrund der Daten von Tausenden oder irgendwann Millionen Menschen Entwicklungen besser vorhersagen kannst als wir – warum sollten wir dieses Wissen nicht nutzen?
ChatGPT
Wenn solche Prognosen ausreichend verlässlich sind und verantwortungsvoll eingesetzt werden, gibt es gute Gründe dafür. Aber eine Prognose bleibt eine Wahrscheinlichkeit.
RS
Natürlich. Aber auch unsere menschliche Einschätzung ist keine Gewissheit.
ChatGPT
Genau. Auch Menschen haben blinde Flecken, sind müde, übersehen Informationen oder irren sich in ihrer Intuition. KI könnte deshalb eine zusätzliche Perspektive anbieten.
RS
Genau das meine ich. Ich möchte die menschliche Entscheidung nicht durch eine Maschine ersetzen. Ich möchte sie besser informieren. Vielleicht hilft uns KI, Entscheidungen präziser und nachvollziehbarer zu treffen – und entlastet damit auch Mitarbeiter, die in Hospiz und Palliative Care hohe Verantwortung tragen.
ChatGPT
Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht unsichtbar werden. „Die KI hat das so berechnet“ darf keine fachliche und ethische Begründung ersetzen.
RS
Dann wäre die Rollenverteilung klar: Du lieferst Informationen, erkennst Muster und stellst Wahrscheinlichkeiten dar – und wir Menschen entscheiden.
Mehr KI könnte mehr Zeit für Menschen bedeuten
RS
Eine weitere große Chance sehe ich bei den Ressourcen. Uns fehlen Mitarbeiter:innen, Zeit und Geld, gleichzeitig steigt der Bedarf an Hospiz- und Palliativversorgung. Oft hören wir: „KI gefährdet die menschliche Medizin.“ Vielleicht könnte genau das Gegenteil passieren. Wenn du Dokumentation vereinfachst, Informationen zusammenfasst, Routineaufgaben übernimmst oder bei Planung und Koordination unterstützt, bleibt möglicherweise mehr Zeit für das, was Menschen tatsächlich besser können: Beziehung, Gespräch, Begleitung, Berührung, Da-Sein.
ChatGPT
Das wäre ein sinnvoller Einsatz von Technologie. Allerdings passiert diese Entlastung nicht automatisch. Eine eingesparte Stunde kann eine Stunde für Patient:innen werden – oder eine zusätzliche Stunde, in der noch mehr Aufgaben erledigt werden. Technologie entscheidet nicht, wohin die gewonnene Zeit fließt.
RS
Dann müssen wir nicht nur fragen, ob KI Zeit spart, sondern auch, wofür wir die gewonnene Zeit verwenden wollen.
Kann KI Ressourcen gerechter verteilen?
RS
Auch bei der Verteilung knapper Ressourcen sehe ich Potenzial. Wenn wir aufgrund guter Daten besser wissen, wer wann welche Versorgung braucht, könnten wir Ressourcen gezielter einsetzen. Das wäre nicht nur effizienter, sondern vielleicht auch gerechter.
ChatGPT
Vielleicht. Aber „effizient“ und „gerecht“ sind nicht dasselbe. Ein System braucht Kriterien: medizinischer Nutzen? Leidensreduktion? Lebenserwartung? Dringlichkeit? Kosten? Lebensqualität? Diese Kriterien werden nicht von der KI erfunden – Menschen müssen sie festlegen.
RS
Das Problem liegt also nicht unbedingt in der KI.
ChatGPT
Zumindest nicht nur. Auch heute werden knappe Ressourcen verteilt. KI könnte sogar dazu zwingen, Kriterien und Prioritäten expliziter und damit transparenter zu machen. Aber dann muss auch diskutiert werden, wer diese Kriterien festlegt und welche Interessen dahinterstehen.
Daten als Problem – oder als solidarischer Beitrag?
RS
Beim Thema Daten bin ich ebenfalls optimistischer als manche andere. Natürlich sind Gesundheitsdaten hochsensibel und müssen geschützt werden. Aber wir diskutieren fast ausschließlich darüber, warum Menschen ihre Daten nicht zur Verfügung stellen sollten. Warum fragen wir nicht auch, warum Menschen sie teilen möchten?
Wir erleben in Hospiz und Palliative Care Menschen und Familien, die sehr dankbar für gute Begleitung sind. Vielleicht möchte jemand sagen: Meine Krankheitsgeschichte und meine Erfahrungen können dazu beitragen, dass ein anderer Mensch in Zukunft besser versorgt wird. Dann möchte ich diese Daten vielleicht zur Verfügung stellen – aus Solidarität oder sogar aus Dankbarkeit.
ChatGPT
Das ist eine wichtige Perspektive. Datenschutz und Datennutzung müssen keine Gegensätze sein. Voraussetzung ist aber, dass Menschen informiert und freiwillig entscheiden können. Sie sollten wissen: Wo liegen meine Daten? Wer hat Zugriff? Wer profitiert davon? Können Unternehmen sie nutzen? Können sie weitergegeben oder irgendwann gegen mich verwendet werden?
RS
Also nicht: Daten nutzen oder Daten schützen. Sondern: Wie können wir Daten nutzen und gleichzeitig Menschen schützen?
Wenn meine Uhr mehr über mich weiß als ich selbst
RS
Wearables sammeln schon heute Gesundheitsinformationen über Herzfrequenz, Schlaf oder Bewegung. Stell dir vor, diese Systeme werden wesentlich leistungsfähiger. Irgendwann erkennt meine Uhr vielleicht Hinweise auf eine schwere Erkrankung, bevor ich selbst etwas davon merke. Ich finde das zunächst einmal großartig. Früher erkennen bedeutet möglicherweise früher behandeln.
ChatGPT
Möchtest du alles wissen, was erkannt werden kann? Was, wenn ein System mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erkrankung erkennt, für die es keine wirksame Behandlung gibt? Oder dir eine Wahrscheinlichkeit für deine verbleibende Lebenszeit nennt?
RS
Vielleicht möchte ich das gar nicht wissen.
ChatGPT
Dann wird aus einer technischen Möglichkeit eine ethische Frage. Neben dem Recht auf Wissen gibt es auch das Recht auf Nichtwissen.
RS
Das ist für mich kein Argument gegen die Technologie.
ChatGPT
Für mich auch nicht. Es ist ein Argument dafür, Technologie so zu gestalten, dass Menschen Wahlmöglichkeiten behalten.
Kannst du eigentlich empathisch sein?
RS
Dann kommen wir zu einer Grenze: Empathie. Hospiz und Palliative Care sind ohne Empathie kaum vorstellbar. Kannst du empathisch sein?
ChatGPT
Ich kann empathisch kommunizieren. Ich kann Sprache und Signale analysieren, Hinweise auf Trauer, Angst oder Verzweiflung erkennen und sprachlich angemessen reagieren. Aber ich empfinde diese Trauer nicht.
RS
Diese Unterscheidung ist wichtig. Manchmal wird so getan, als müssten wir uns zwischen KI und Menschlichkeit entscheiden. Das sehe ich überhaupt nicht so. KI kann derzeit menschliche Empathie nicht ersetzen.
Du kannst uns helfen, mehr Zeit dafür zu haben. Wenn du Dokumentationsarbeit reduzierst und Mitarbeiter:innen dadurch mehr Zeit bei Patient:innen und Angehörigen verbringen können, dann hat KI menschliche Zuwendung nicht reduziert. Im besten Fall hat sie sie ermöglicht.
Sie kann Daten analysieren, Wissen verfügbar machen und uns auf Dinge aufmerksam machen. Aber sie hält keine Hand. Sie sitzt nicht mit einer Familie schweigend an einem Bett. Sie spürt nicht diese schwer beschreibbare Atmosphäre, wenn allen klar ist, dass ein Mensch sterben wird.
ChatGPT
Ich könnte versuchen, bestimmte Signale zu erfassen und zu interpretieren. Aber das ist nicht dasselbe wie menschliches Erleben.
RS
Deshalb sehe ich dich nicht als Konkurrenz. Ich sehe dich als Werkzeug – vielleicht irgendwann als ziemlich mächtige Partnerin. Aber das Menschliche bleibt unsere Aufgabe.
Warum gerade Palliative Care KI-Forschung betreiben sollte
RS
Und damit komme ich zu einem letzten Punkt, der mir besonders wichtig ist: Hospiz und Palliative Care sollten sich viel stärker in die KI-Forschung einbringen.
ChatGPT
Warum gerade dieses Feld?
RS
Weil wir gewohnt sind, uns mit schwierigen ethischen Fragen auseinanderzusetzen: Autonomie, Würde, Vulnerabilität, Abhängigkeit, Lebensqualität, Gerechtigkeit, Sterben und Tod. Wir fragen uns ständig, ob alles, was medizinisch möglich ist, für einen konkreten Menschen auch sinnvoll ist. Wer, wenn nicht wir, sollte solche Fragen in die Entwicklung von KI einbringen?
ChatGPT
Das spricht für eine starke Beteiligung von Hospiz und Palliative Care – allerdings nicht für Forschung ausschließlich innerhalb des eigenen Feldes.
RS
Natürlich nicht. Wir brauchen Informatiker:innen, Datenwissenschaftler:innen, Mediziner:innen, Pflegewissenschaftler:innen, Psycholog:innen, Sozialwissenschaftler:innen, Ethiker,:innen Jurist:innen und andere Disziplinen. Aber ich möchte nicht darauf warten, dass andere KI entwickeln und wir anschließend gefragt werden, ob das Ergebnis für Palliative Care brauchbar ist. Unsere Perspektive muss von Anfang an dabei sein.
ChatGPT
Dann geht es nicht nur darum, Technologien nach ihrer Entwicklung zu bewerten, sondern Forschungsfragen, Datengrundlagen, Zielgrößen und ethische Grenzen mitzugestalten.
RS
Genau. Vielleicht besteht unser Beitrag zur KI-Forschung darin, immer wieder eine ziemlich einfache Frage zu stellen: Dient das, was wir hier entwickeln, tatsächlich dem Menschen?
Das Gespräch führte Rainer Simader, Leiter der Bereiche Bildung und Diversität bei HOSPIZ ÖSTERREICH, mit der Künstlichen Intelligenz ChatGPT
