Seit zwei Jahren arbeitet Iliyana Nokova bei der CS Caritas Socialis im Bereich der Ehrenamtlichenkoordination und ist dort für neue Zielgruppen sowie Projekte zuständig, für den Blog von HOSPIZ ÖSTERREICH gibt sie uns Einblicke in ihre Arbeit.
Wie Bist Du zu dieser Aufgabe gekommen?
Im Zuge meines klinischen Praktikums war ich in einem jüdischen Pflegeheim tätig und habe Fortbildungen mit dem Schwerpunkt Demenz absolviert. Die Begegnungen mit unterschiedlichen menschlichen Wirklichkeiten haben mich bewegt und meine Lebensmelodie verändert.
Als ich mich initiativ bei der CS beworben habe, hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.
Wie sieht junges Ehrenamt bei der CS aus?
Das Ehrenamt in der CS ist vielfältig. Wir arbeiten mit Schulen zusammen, bieten Freiwillige Sozialpraktika an und begleiten Schüler:innen sowie Studierende.
Mir ist wichtig, junge Menschen dazu einzuladen, sich mit Themen wie Verletzlichkeit, Lebensende, Trauer, Demenz und Lebensqualität persönlich auseinanderzusetzen.
Gemeinsam überlegen wir: Was interessiert die Jugendlichen? Wo liegen ihre Stärken? Manche gestalten kreative Angebote, andere musizieren, begleiten Bewohner:innen oder Tagesgäste beim Gedächtnistraining, bieten digitale Workshops für Menschen mit Demenz an oder unterstützen Aktivitäten im Alltag. So können sie ihre eigenen Fähigkeiten sinnvoll einbringen.
Vor jeder Tätigkeit stehen Vorbereitung und Kennenlernen, danach folgt eine gemeinsame Reflexion. Es geht nicht nur um das Tun, sondern auch um die persönliche Entwicklung.
Was ist ein Freiwilliges Sozialpraktikum?
Das freiwillige Sozialpraktikum bietet Einblicke in den Sozialbereich und ermöglicht, praktische Erfahrungen im Umgang mit Menschen zu gewinnen.
Die Dauer und die Tätigkeit können flexibel an die persönlichen Interessen und zeitlichen Kapazitäten angepasst werden. Es kann von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten dauern. Mögliche Einsätze werden auf Vorerfahrungen, Ausbildung und Interesse abgestimmt, z.B. Langzeitpflege, Demenz, Hospiz & Palliativbereich, Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit, Unterstützung im Kindergarten oder im Haus für Mutter und Kind.
Es dient einerseits der Berufs- und Bildungsorientierung und ist vor allem eine nachhaltige Bereicherung und Vorbereitung auf das Leben.
Die 17-jährige Elen-Duha hat mir am Ende ihres Praktikums gesagt, dass für sie Hospizhaltung, nicht einfach bedeutet, Zeit abzusitzen, sondern aufmerksam, bewusst und vorbereitet da zu sein. Dass es nicht so sehr um die Aufgaben geht, sondern um die Art, wie man Menschen begegnet. Da merkt man, wie viel sie gelernt hat.
Welche Erfahrungen machen die jungen Menschen dabei?
Zu Beginn gibt es eine Orientierung. Dabei beschäftigen wir uns mit Fragen wie: Was bedeutet Lebensqualität für mich? Oder wir laden die Jugendlichen dazu ein, ihren eigenen Lebensbogen zu zeichnen und über persönliche Verlusterfahrungen nachzudenken. Dabei werden eigene Ressourcen sichtbar. Das stärkt Resilienz, Empathie und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Zugleich entstehen Vertrauen und Verbundenheit, beides ist für die Begegnung mit Menschen in herausfordernden Lebenssituationen essenziell. Gerade junge Menschen brauchen dabei einen geschützten Rahmen und Begleitung, um ihre Erfahrungen einzuordnen und daran wachsen zu können.
Wodurch unterscheidet sich junges Ehrenamt vom Ehrenamt, das Ältere leisten?
Junge Menschen verfügen oft über weniger zeitliche Ressourcen. Deshalb engagieren sie sich häufig projektbezogen oder bei einzelnen Aktivitäten. Zugleich erlebe ich sie als sehr zuverlässig.
Besonders auffällig ist ihr großes Interesse am Thema Demenz. Manche möchten später selbst in diesem Bereich arbeiten oder forschen. Es berührt mich, wie offen sie den Menschen begegnen und bereit sind, sich auf deren Lebenswelt einzulassen. Viele beginnen zunächst praktisch im Ehrenamt, engagieren sich in einer Gruppe und setzen sich zunächst niederschwellig mit den Themen auseinander. Erst durch die Erfahrungen wächst der Wunsch nach einer Vertiefung oder einer Ausbildung.
Für die Arbeit im Hospiz und Palliativbereich braucht man den Kurs: Befähigung zur Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung (ehrenamtliche Hospizbegleitung für Erwachsene). Wie viele der Ehrenamtlichen bei Euch haben den Kurs absolviert?
Derzeit haben von 433 bei uns tätigen Ehrenamtlichen, 209 den Kurs absolviert.
Man kann das dazu erforderliche Praktikum bei uns in der CS im Hospiz, auf der Palliativstation oder in der Langzeitpflege absolvieren.
Ich habe den Kurs selbst absolviert und war begeistert. Besonders wertvoll ist die Vermittlung der hospizlichen Haltung und der hohe Anteil an Selbsterfahrung. Ich finde ihn alterslos, also auch für Junge gut geeignet.
Wie wichtig ist Bildung im Bereich Hospiz und Palliative Care?
Ich wünsche mir viel mehr Projekte und Initiativen zur Enttabuisierung von Demenz, Sterben, Tod und Trauer. Diese Themen sollten selbstverständlich Teil der Bildung werden, nicht nur zur Berufsorientierung, sondern um junge Menschen resilienter zu machen und ihre Reflexionsfähigkeit zu stärken.
Wenn Schulen Einblicke in den Sozialbereich ermöglichen, erleben Jugendliche, dass diese Themen zum Leben gehören. Genau darin sehe ich großes Potenzial.
Letztes Jahr haben uns im Herbst zwei Lehrerinnen kontaktiert, die mit ihren Klassen im Rahmen des Ethikunterrichts unser Tageshospiz besuchen wollten. Wir konnten unsere Arbeit vorstellen und mit den Schüler:innen die Karten Sarggespräche, Let´s talk abouth death spielen. Danach haben sich sechs Schülerinnen für sozialpraktische Tage bei uns gemeldet.
Es wäre schön, wenn mehr Lehrer:innen – nicht nur im Ethikunterricht, sondern als Teil des Bildungsauftrags, ihren Schüler:innen diesen Einblick in den Sozialbereich ermöglichen, und mehr Stunden im Bildungssystem dafür vorgesehen werden.
Wie kommen die Ehrenamtlichen zu Euch?
Die meisten Interessent:innen kommen durch persönliche Kontakte zu uns oder eigene Recherche. Ein Artikel im Bezirksblatt Währing hat zu vielen Anfragen aus der Nachbarschaft geführt, auch von Menschen, die vorher nichts über den Kurs Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung wussten.
An der der Freiwilligenmesse und YOVO nehmen wir auch jedes Jahr teil.
Wie siehst Du die Zukunft des Ehrenamts?
Ich bin davon überzeugt, dass das Ehrenamt weiter an Bedeutung gewinnen wird. Gleichzeitig wird es, auch aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen, vor neuen Herausforderungen stehen.
Umso wichtiger sind klare Rollen, großzügige Begleitung, Supervisionsmöglichkeiten und ein wertschätzendes Miteinander im interprofessionellen Team. Ehrenamt ist ein wunderbares Geschenk. Allerseits. Und kein Ersatz für hauptamtliche Arbeit.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Catrin Neumüller
Iliyana Nokova ist Ehrenamtlichenkoordinatorin für neue Zielgruppen und Projekte, CS Ungargasse. Sie ist ausgebildet in psychologischer Beratung, Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung sowie in Dignity Therapy nach Prof. Dr. Chochinov. Ergänzend absolvierte sie den interprofessionellen Palliativlehrgang. Ihre Neugier gilt zudem internationalen Zusammenhängen, von politischen Entwicklungen bis hin zur Wirtschaftspsychologie. Die Weite von Himmel und Meer, die Stille, die Lebendigkeit dazwischen begleiten sie als Sinnbilder für das Geschenk des menschlichen Daseins.
