Ein Gespräch mit Rainer Simader, Bereichsleiter für Bildung und Diversität bei HOSPIZ ÖSTERREICH, über sein YouTube-Format und die Kunst, Menschen mit einem schweren Thema zu erreichen.
Seit mittlerweile rund drei Jahren ist Rainer Simader nicht nur als Bereichsleiter für Bildung und Diversität bei HOSPIZ ÖSTERREICH tätig, sondern auch Gesicht des YouTube-Formats „Sterben ist das Allerletzte“. Bei einem sommerlich leichten Gespräch erzählt er mir, wie die Idee zu dem Format entstanden ist, warum Sonnenblumen im Studio hängen und was es aus seiner Sicht braucht, um mit einem sensiblen Thema Menschen zu erreichen.
Wie kam es zu „Sterben ist das Allerletzte“?
Rainer Simader: Es war mir schon immer ein Anliegen, zum Thema Lebensende, Sterben und Tod beizutragen – es zu entängstigen, würde ich sagen. Ich bin mir mittlerweile, nämlich gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich ein Tabuthema ist, prinzipiell reden wir ja schon darüber. Aber ich glaube, es ist ein Thema, das den Menschen Angst macht. Mir war immer wichtig, wie wir dazu beitragen können, dass Menschen den Mut bekommen, einfach hinzuschauen, sich damit auseinanderzusetzen. Und wie sie hilfreiche Informationen bekommen – auf ihre konkreten Fragen.
Irgendwann kam die Idee eines Podcast auf. Gemeinsam mit den Filmproduzenten Christian Fichtner, ist dann noch etwas ganz Wichtiges dazugekommen, nämlich nicht nur mit Menschen zu reden, sondern auch zu zeigen, wer hinter all den guten Dingen steckt, die im Hospiz- und Palliativbereich passieren.
Es war sicher auch ein bisschen Selbstüberschätzung dabei – à la „Das schaffen wir locker“. Christian Fichtner und sein Team haben von Anfang an ehrenamtlich Ressourcen zur Verfügung gestellt. Und wir haben begonnen, in Interviewsituationen Themen vor den Vorhang zu holen, die sonst selten behandelt werden. Die Resonanz war überraschend gut, und seitdem versuchen wir in regelmäßigen Abständen neue Folgen zu launchen.
Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Titel?
Das war tatsächlich eine spontane Eingebung. Die Doppeldeutigkeit war uns dabei wichtig: Einerseits ist Sterben im Leben höchstwahrscheinlich das Allerletzte, was passiert, bevor wir tot sind. Gleichzeitig steckt darin auch diese Reserviertheit – „das ist das Allerletzte, mit dem ich mich beschäftigen möchte“. Aus dieser Wortspielerei ist der Titel entstanden.
Wenn man „Hospiz“ googelt, sieht man oft die verwelkte Sonnenblume als Symbolbild. Bei euch im Studio hängen die Sonnenblumen von der Decke – und sehen dabei richtig schön aus…
Ja, darüber haben wir viel diskutiert. Einige Interviewpartner:innen, die mit diesem Symbolbild hadern, haben die Sonnenblumen im Studio gleich kommentiert. Andere, die den Podcast schon kannten, meinten: „Jetzt bin ich wieder im Sonnenblumenland.“
Die Sonnenblume hat sich als Symbol für Hospiz und Palliative Care eingeprägt und einen Wiedererkennungswert. Zugleich steht daneben ein Titel, der etwas provokant ist, zum Nachdenken anregt oder den man witzig findet. Ich finde im Hospiz- und Palliativbereich müssen beide Seiten Platz haben: das Bewährte, Traditionelle – viele Dinge in diesem Bereich ändern sich ja nicht – und das Neue – z.B. bewusstes Nachdenken über Marketing – wie erreichen wir Menschen, ohne ethische oder moralische Grenzen zu überschreiten? Wir bekommen die Rückmeldung, dass uns die Kombination in diesem Fall gut gelungen ist.
Ähnlich wie „Bestattung Wien“ mit „Ich turne bis zur Urne“ zeigt ihr, dass Öffentlichkeitsarbeit im Hospizbereich nicht nur bedächtig und schwer sein muss. War das ein Learning, oder war das immer schon klar?
Das war kein klassisches Learning der letzten Jahre, sondern hat viel mit meiner Zeit in England zu tun, wo ich eineinhalb Jahre am St. Christopher’s Hospice gearbeitet habe. Dort wurde und wird mit dem Thema Hospiz anders umgegangen. Das liegt sicher auch daran, dass sich Hospize in England zu einem großen Teil über Fundraising und Spenden finanzieren – dadurch mussten sie schon viel früher Wege finden, das Thema öffentlich gut zu präsentieren.
In England habe ich gelernt, dass Hospiz- und Palliativarbeit unglaublich lebendig sein kann. Wenn ich erzählt habe, wo ich arbeite, haben Leute im Pub zu mir gesagt: „Oh, that’s my hospice.“ Diese Identifikation mit dem Hospizgedanken konnte entstehen, weil er unmittelbar Teil des Lebens und der Community ist. Ich fand das sehr spannend und habe gelernt, dass man auch so selbstverständlich und nahbar mit dem Thema umgehen kann, und das tut uns auch hier gut.
Wie werden die Themen und Gesprächspartner:innen ausgewählt?
Das entsteht im Redaktionsteam. Ich bin dort der fachliche Experte aus dem Hospiz- und Palliativbereich, die Redakteurin Martina Kellner und Christian Fichtner bringen ihre professionelle und vor allem ihre Menschen-Kompetenz ein. In einem Brainstorming-Prozess sammeln wir Themen und Personen.
Die Zielgruppe sind primär Laien – also Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen mit Lebensende und Trauer beschäftigen wollen oder müssen und dazu gute Informationen bekommen sollen. Ausgehend davon haben wir überlegt, welche Fragen diese Menschen häufig haben – das kennt man auch aus dem Buch „99 Fragen an den Tod „.
Bei den Personen ist uns wichtig, dass nicht nur Fach-Expertinnen etwas zu erzählen haben. Ein Kollege, Sozialarbeiter im Palliativbereich, sagt immer: „Aus Mangel an lebenden Experten wissen wir gar nicht, wie Sterben geht.“ Expertinnen sind für uns daher nicht nur Menschen mit entsprechendem Studium, sondern auch z.B. trauernde Menschen und Menschen mit schweren Erkrankungen. Dieser Mix ist uns wichtig. Und natürlich muss jemand bereit sein, die eigene Geschichte vor der Kamera zu erzählen.
Welche Themen bewegen am meisten?
Trauer ist in allen Facetten ein großes Thema – von Trauer nach Suizid bis zur Frage, ob die eigene Trauer noch normal ist. Auch alles, was mit Symptomen wie zum Beispiel Schmerz zu tun hat, interessiert viele Menschen.
Trotzdem ist es uns wichtig, immer wieder Themen aufzugreifen, die vielleicht keine Massen anlocken, aber Teil des großen, breiten Spektrums sind – wie im „Total Pain“-Konzept. Das Thema Schmerz ist sehr emotional, und vielleicht sind Selbsthilfegruppen für Menschen mit palliativen Krebserkrankungen nicht das, wo sie sagen: „Das wollte ich unbedingt sehen.“ Aber wir wollen nicht Effekthascherei betreiben, sondern ein breites Spektrum an Inhalten anbieten.
Was würdest du Leserinnen und Lesern mitgeben, die selbst eine Idee haben und sagen: „Ich möchte etwas verwirklichen“?
Aus meiner eigenen Erfahrung ist das Allerwichtigste am Anfang die Frage „Für wen?“ – zuerst muss man überlegen, wer die Zielgruppe ist. Das macht einen großen Unterschied. Hätten wir diesen YouTube-Kanal zum Beispiel für Fachexpertinnen gemacht, würde er ganz anders aussehen – das Studio, die Gesprächspartnerinnen, vielleicht auch das Format selbst. Die Zielgruppe gibt vor, welches Format, welches Setting, welche Methode man wählt – das ist das Allerwichtigste.
Das Zweite ist das Thema Nachhaltigkeit. Es ist leicht, etwas zu beginnen – aber gerade bei größeren Projekten, die wirklich nachhaltig wirken sollen, muss man gut überlegen, welche Ressourcen man tatsächlich über einen längeren Zeitraum hat und einsetzen kann, damit aus dem Projekt keine Eintagsfliege wird.
Das Dritte: Man muss früh überlegen, wie man das Ergebnis in die Welt hinausbringt. Es reicht nicht, sich nur zu fragen, wie das Interview aussieht – die Frage ist, wie man die Zielgruppe erreicht und wie man Informationen verbreitet, damit sie nicht unbeachtet irgendwo liegen bleiben. Das war für mich auch selbst immer wieder ein Lerneffekt. Das gilt nicht nur für ein neues Medienformat, sondern auch für andere Projekte – ein Caring Community-Projekt oder Ähnliches: Nachhaltigkeit und Erreichbarkeit sind zentral.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Marianne Buchegger
Podcast Sterben ist das Allerletzte
Bausewein C., Simader R. (2020/2024). 99 Fragen an den Tod: Leitfaden für ein gutes Lebensende. Droemer Knaur
Bei der 20 Jahr Feier zum Masterstudiengang Palliative Care am 23-24.09.2026 findet der Workshop „Das Lebensende zum Thema machen“ statt, in dem Projekte im Bereich Hospiz und Palliative Care (weiter)entwickelt werden können. Eine Veranstaltung von HOSPIZ ÖSTERREICH in Kooperation mit St. Virgil Salzburg. Es gibt noch freie Plätze – wir freuen uns auf Sie!
Informationen und Anmeldung https://www.virgil.at/bildung/veranstaltung/das-lebensende-zum-thema-machen-25-1795/
