Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Nicht zu jung fürs Thema Sterben!

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Warum Hospiz und Palliative Care in allen grundständigen Studiengängen und Ausbildungen seinen Platz finden muss.

Können Sie sich noch erinnern, als Sie als Profi ihre:n erste:n palliativ erkrankte:n Patient:in begleitet haben und welche Gedanken oder Gefühle Sie davor oder dabei hatten? Oder: Mit welchen Gedanken und Emotionen würden Sie aktuell vor dieser Situation stehen?

Wie geht es jungen Kolleg:innen aus  unterschiedlichen Berufen dabei? Wie gut oder umfangreich werden alle mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer befassten Berufsgruppen in ihren entsprechenden Grundstudien bzw. -ausbildungen in Österreich darauf vorbereitet, gute Begleiter:innen am Lebensende zu sein? Angesichts der demografischen Entwicklung und der hohen Wahrscheinlichkeit, dass hochbetagte, multimorbide, und / oder palliativ erkrankte Menschen in allen Settings des Gesundheits- und Sozialbereichs zukünftig sehr viel Aufmerksamkeit brauchen werden, sollten wir dieser Frage nachgehen.

Übrigens: Vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs an Hospiz- und Palliativversorgung weist der Europarat bereits seit 2003 darauf hin, dass alle an Palliative Care beteiligten Berufsgruppen eine spezifische, fachlich fundierte und kulturell sensible Ausbildung erhalten sollen – und zwar in allen Ausbildungsstufen, beginnend in der Grundausbildung (Council of Europe, 2003).

Ein paar Fakten zur Situation in Österreich: In der Medizin zeigt sich, dass die Anzahl der in den jeweiligen Curricula integrierten Einheiten zum Bereich Palliative Care bei weitem unter den von der Europäischen Palliativgesellschaft geforderten – ohnehin nur – 40 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten liegt (Toussaint et al., 2023).

In den drei Pflegeberufen ist dies unterschiedlich geregelt: Pflegeassistent:innen (die häufig im Langzeitpflegebereich tätig sind), erhalten durchschnittlich 21 und Pflegefachassistent:innen 41 Stunden Unterricht in Palliative Care. An den Fachhochschulen, also in den Studiengängen für den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege sind es durchschnittlich 62 Stunden. Die Varianz ist allerdings groß (Brandstötter et al., 2021).

Auch für die Bachelorstudiengänge der Berufe Diaetologie, Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie gibt es Auswertungen: Palliative Care kommt überhaupt nur in 12 von 23 Studiengängen vor – und das in sehr unterschiedlichem Ausmaß, manchmal integriert in anderen Fächern, manchmal als eigene Lehrveranstaltungen (Simader, 2025).

In allen anderen grundständigen Studiengängen jener Berufe, die in der Arbeit mit palliativ erkrankten Menschen gebraucht werden bzw. würden, z.B. Psychologie oder Soziale Arbeit, kommen Hospiz und Palliative Care erfahrungsgemäß kaum vor, wenn, dann ggf. als Wahlpflichtfach und meist aufgrund von Einzelinitiativen engagierter Lehrender.

Die Gefahr angesichts dieser durchwachsenen Situation: Mehr zukünftiger Bedarf trifft auf Mangel an Kompetenzen und wenig Bewusstsein, dass es alle Berufsgruppen braucht, um zukünftig gute Versorgung und Befähigung von Menschen am Lebensende zu ermöglichen.

Bildung wirkt!

Studien zeigen, dass “Death Education”, also jede Art von Intervention, die Studierende bzw., Schüler:innen an das Thema Lebensende heranführt, prägend – und zwar positiv prägend – ist.

Was wird dadurch gefördert?

  • Fachliches Wissen
  • Kommunikative Fertigkeiten, wie z.B. Gespräche über Prognosen, Gesprächsführung mit Angehörigen und empathisches Verhalten
  • Praktisch-klinische Fertigkeiten
  • Selbstwirksamkeit und berufliche Rollenklärung. Das heißt, Studierende fühlen sich eher in der Lage, adäquat zu handeln bzw. ihre Rolle im interprofessionellen Team auszufüllen (Boland et al., 2020; Chiarelli et al., 2014)

Ein wiederkehrendes Ergebnis ist, dass die Auseinandersetzung mit Palliative Care, Sterben, Tod und Trauer im grundständigen Studium nicht nur kognitives Lernen fördert, sondern auch emotionale Aspekte verändert. Die Einstellung zum Sterben und den Sterbenden wird meist positiver die subjektive Todesangst oder Angst vor Begegnungen mit Sterbenden nimmt ab (Hökkä et al., 2022).

All dies ist substanziell wichtig, denn fehlendes fachliches Wissen, mangelnde Fertigkeiten und unrealistische Vorstellungen machen zugleich Angst und verletzlich. Oft wird aus Unwissenheit angenommen, dass die Begleitung palliativ erkrankter Menschen nicht interessant, und der Bereich überfordernd wäre, oder, dass er nichts mit dem eigenen Berufsbild zu tun hätte. Deshalb wollen zunächst oft wenige junge Menschen in diesem Feld arbeiten. Doch spätestens in den Praktika oder zu Beginn der beruflichen Tätigkeit wird jedem und jeder klar, dass Palliativpatient:innen überall „lauern“. Aufgrund mangelnder Vorbereitung in der Grundausbildung führt das dann schnell zu Überforderung und vermeidbarem Leid – bei allen Beteiligten. Chiarelli et al. (2014) und Miles et al. (2023) zeigen übrigens, dass Studierende nach der Auseinandersetzung mit den Inhalten der Hospiz und Palliative Care eher die Bereitschaft äußern, im Bereich der Palliativversorgung zu arbeiten oder, dass sie zumindest in der Versorgung Sterbender sicherer werden wollen.

Gelingendes Lehren und Lernen in der Grundausbildung

Es gibt verschiedene Ansätze, wie Studierende sich den Themen annähern können. Inhalte sollen curricular strukturiert verankert werden, es braucht praxisnahe Anwendung (z. B. Simulationen, oder Praktika) sowie Reflexion (Supervision, Debriefing). Die Kombination von kognitiver Wissensvermittlung und unmittelbarer Anwendung in simulierten oder realen Situationen ist besonders lehrreich (Hökkä et al., 2022). Auch Strategien zur Selbstfürsorge und Kommunikation – beides spezifisch für die Arbeit mit schwer kranken Menschen – sollen früh in die Grundausbildungen integriert werden. Studierende berichten, dass auch ein Raum für den Austausch von Emotionen und Erlebnissen für sie wichtig ist, nach Praktika aber auch generell zu bisherigen Lebenserfahrungen, die mit Sterben, Tod und Trauer verbunden waren (Simader, 2025). In diesem Kontext ist wichtig, dass Hochschulen sich auch als Einrichtungen verstehen, die junge Studierende in und durch Situationen begleiten, in denen fachliches Wissen und persönliche Betroffenheit zusammenwirken, wo Gespräche über das Lebensende ermöglicht werden. Denn  die Studierenden werden immer wieder Gespräche im Kontext von Sterben, Tod und Trauer führen und dabei sowohl die Patient:innen als auch ihre persönliche Betroffenheit thematisieren. Gelingendes Lernen und Lehren funktioniert sowohl mono- als auch interdisziplinär, als eigene wie auch integriert in andere Lehrveranstaltungen. Idealerweise sollte das Thema über die gesamte Studiendauer hinweg präsent sein. Eine lebensnahe Mischung ist wohl ideal und die Möglichkeit, Praktika im hospizlich-palliativen Feld machen zu können von besonderer Bedeutung (Talbot-Coulombe & Guay, 2020; Miles et al., 2023; Simader, 2025)

Der Umbau der Curricula, angepasst an die Bedürfnisse der sich ändernden Gesellschaft ist zweifellos eine Herausforderung. Sich dieser Herausforderung jedoch nicht anzunehmen, hieße, notwendige Entwicklungen zu verzögern und Chancen ungenutzt zu lassen.

Bis dahin und in der Zwischenzeit sind einfache, niederschwellige Angebote für Studierende hilfreich: Die Einladung von Hospiz- und Palliative Care-Mitarbeiter:innen oder Patient:innen (ja, das geht!) in den Unterricht, Hospitationen in Hospiz- und Palliative Care-Einrichtungen, Wahlpflichtveranstaltungen, Kongressbesuche, Empfehlungen von Podcasts, weiterführender Literatur oder ähnliches. Nur Mut. Seien Sie kreativ!

Raus aus dem Teufelskreis!

Im Studium Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen zu Hospiz- und Palliativinhalten nicht anzubieten  führt zu einem Mangel an Bewusstsein für die bestehenden Möglichkeiten und zu Überforderung in palliativen Situationen. Überforderung führt zwar manchmal zur Motivation, es zukünftig besser zu machen, meistens allerdings zu Abwehr und Abkehr. Bildung ist der Anfang jeder nachhaltigen Veränderung. Wir alle sind darauf angewiesen, dass die künftig professionell tätige Generation deutlich mehr Menschen am Lebensende gut begleiten kann. Deshalb sind WIR jetzt gefordert.

Ein erster Ansatzpunkt:

  1. Interdisziplinäres Studierendensymposium Junge Perspektiven. Zukunft Palliative Care

HOSPIZ ÖSTERREICH und die Österreichische Palliativgesellschaft bieten Studierenden 2026 erstmals im Rahmen des 9. Österreichischen Palliativkongresses die Möglichkeit, sich ein Bild der lebendigen und spannenden Arbeit in Hospiz und Palliative Care zu machen. Das Symposium „Junge Perspektiven. Zukunft Palliative Care“ findet am 24. April 2026 von 9.00 bis 12.30 Uhr in Graz statt.

Es richtet sich an Studierende (aller Semester) der Medizin, Gesundheits- und Krankenpflege, der gehobenen medizinisch-therapeutisch-diagnostischen Gesundheitsberufe, Pharmazie, Psychologie, Sozialarbeit und Seelsorge.
Das deshalb, weil diese verschiedenen Professionen im Berufsalltag bei der Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen sowie ihrer An- und Zugehörigen interdisziplinär zusammenarbeiten.

Die Teilnahme ist kostenfrei und die Studierenden werden außerdem herzlich eingeladen, am Nachmittag den Palliativkongress zu besuchen.

Ziel ist es, praxisrelevante Einblicke in die Hospiz- und Palliativversorgung zu vermitteln, Expert:innen und Organisationen vorzustellen, interdisziplinäres Lernen zu ermöglichen und die Vielfalt dieses hochprofessionellen Arbeitsfeldes sichtbar zu machen.

Das Programm umfasst Fachvorträge und interaktive Formate sowie Raum für Vernetzung und Fragen.

Nähere Informationen dazu finden Sie hier:
https://veranstaltungen-hospiz.at/studierendensymposium-2026/

 

Literatur

Boland, J, Brown, M, Duenas, A, Finn, G & Gibbins, J (2020). How effective is undergraduate palliative care teaching for medical students? A systematic literature review. BMJ Open, 10(9), e036458. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2019-036458
Brandstötter C, Krutter S, Paal, P, Schirnhofer A, Glarcher M (2021). Palliative Care: Ausbildungslandschaft Pflege, Z Palliativmedizin 2021; 22: 102-110. DOI 10.1055/a-1370-9546
Chiarelli, P, Johnston, C, & Osmotherly, P (2014). Introducing palliative care into entry-level physical therapy education. Journal of Palliative Medicine, 17(2), 152–158. https://doi.org/10.1089/jpm.2013.0158
Counsil of Europe (2003) Recommendation Rec. 24 of the Committee of Ministers to member states on the organisation of palliative care
Hökkä, M, Rajala, M, Kaakinen, P, Lehto, J, & Pesonen, H. (2022). The effect of teaching methods in palliative care education for undergraduate nursing and medical students: A sys-tematic review. International Journal of Palliative Nursing, 28(6), 245–253. https://doi.org/10.12968/ijpn.2022.28.6.245
Miles, A, Brady, A, Friary, P, Sekula, J, Wallis, C, & Jackson, B (2023). Implementing an inter-professional palliative care education program to speech-language therapy and dietetic stu-dents. Journal of Interprofessional Care, 37(6), 964–973. https://doi.org/10.1080/13561820.2023.2203731
Simader R (2025). „Wenn ich das früher gewusst hätte …“ Narrative von Diätolog*innen, Ergotherapeut*innen,  Logopäd*innen und Physiotherapeut*innen in der Arbeit mit palliativ erkrankten Menschen in der Reflexion der eigenen Grundausbildung. Masterarbeit. Paracelsus Medizinische Universität Salzburg.
Talbot-Coulombe, C, & Guay, M (2020). Occupational therapy training on palliative and end-of-life care: A scoping review. British Journal of Occupational Therapy, 83(10), 609–619. https://doi.org/10.1177/0308022620926935
Toussaint, V., Paal, P., Simader, R. & Elsner, F. (2023). The state of undergraduate palliative care education at Austrian medical schools – a mixed methods study. BMC Palliative Care, 22(1), 151. DOI: https://doi.org/10.1186/s12904-023-01255-9