Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Interprofessioneller Palliative Care Basislehrgang (IPBL)

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Interview mit Verena Klaunzer, im Lehrgangsleitungsteam des Interprofessionellen Palliative Care Basislehrgangs (IPBL) Tirol

Der Blog von hospiz.at widmet sich 2026 dem Schwerpunkt Bildung. Aus diesem Anlass haben wir mit Verena Klaunzer über den Interprofessionellen Palliative Care Basislehrgang (IPBL) in Tirol gesprochen – über Entstehung, Inhalte, Zielgruppen und darüber, was Bildung in der Palliative Care bewirken kann.

Verena Klaunzer, wie ist der IPBL in Tirol entstanden und was bedeutet er für Dich persönlich?

Der Lehrgang geht ursprünglich auf das Curriculum der IFF* zurück, an dessen Entwicklung unter anderem Andreas Heller, Klaus Wegleitner und Patrick Schuchter beteiligt waren. Dieses Curriculum haben wir in Tirol später übernommen.

Die Basislehrgänge sind österreichweit sicher alle unterschiedlich, folgen trotzdem dergleichen Logik und erfüllen dieselben Qualitätsstandards und Kriterien. In Tirol findet der IPBL alle zwei Jahre statt, aktuell schließen wir bereits den achten Lehrgang ab.

Was mich besonders berührt, ist der Prozess, den die Teilnehmenden durchlaufen: ein bunter Mix an Menschen aus ganz unterschiedlichen Versorgungsstrukturen und Regionen kommt zusammen – aus spezialisierter Versorgung, Grundversorgung, manchmal auch aus anderen Bundesländern. Zu Beginn ist es eine lose Gruppe, und im Laufe des Jahres entsteht etwas sehr Tragfähiges: ein Miteinander, das von Vertrauen, gegenseitiger Stärkung und gemeinsamer Haltung geprägt ist. Dieser „Kit“, der da entsteht, ist für mich etwas zutiefst Menschliches und Besonderes.

Am Ende des Lehrgangs präsentieren die Gruppen ihre Projektarbeiten. Das ist immer eine Art Ernte: Man sieht, dass etwas Neues entsteht, welche Fragen die Menschen beschäftigen, welche Themen sie berühren und wie sehr sie fachlich wie auch in ihrer Haltung gewachsen sind. Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um die palliative Haltung – und die wird dort sehr eindrücklich sichtbar.

Der IPBL ist interprofessionell angelegt. Ist es schwierig, so unterschiedliche Berufsgruppen zusammenzubringen?

Ja, das ist eine didaktische Herausforderung – und gleichzeitig der große Mehrwert des Lehrgangs. Die Teilnehmenden bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit: verschiedene Berufsgruppen, unterschiedliche Wissensstände, Erfahrungen aus der Grundversorgung oder der spezialisierten Versorgung. Hinzu kommen formale Rahmenbedingungen, etwa Anerkennungen für Pflege, Medizin oder Psychologie. Der Lehrgang ist auch als Weiterbildung Palliativpflege anerkannt und es gibt approbierte Fortbildungspunkte laut Psychologengesetz –  da muss man verschiedenen Kriterien gerecht werden.

Didaktisch arbeiten wir viel mit Kleingruppen, trennen berufliche Zugänge bewusst und führen sie wieder zusammen. Genau darin zeigt sich Interprofessionalität: gemeinsam an Fragestellungen zu arbeiten, unterschiedliche Sichtweisen einzubringen und daraus eine möglichst gute Zusammenarbeit und optimale Betreuung für Patient:innen und Angehörige zu entwickeln. Das lässt sich gut auf die Praxis übertragen – etwa auf die Zusammenarbeit in Teams oder Einrichtungen.

Was sind aus Deiner Sicht die zentralen Inhalte des IPBL?

Grundlage ist das Curriculum mit seinem ganzheitlichen Ansatz: der bio-psychosozial-spirituelle Blick auf den Menschen mit seinen physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen. Ein zentrales Element ist die Projektarbeit, in der sich die Teilnehmenden über längere Zeit mit einem Thema vertiefend auseinandersetzen.

Wichtig ist uns auch das Praktikum: Eigene Erfahrungen in anderen Einrichtungen zu machen, neue Teams und Sichtweisen kennenzulernen, öffnet den Blick und bringt oft nachhaltige Impulse. Schon ein einzelner Hospitationstag reicht, um neue Perspektiven zu öffnen und in das eigene Denkkonstrukt andere Dimensionen von Verletzlichkeit einfließen zu lassen.

Darüber hinaus gibt es Themen, die den Lehrgängen ihre regionale und inhaltliche Note geben. In Tirol fließen etwa, durch die Zusammenarbeit mit Klaus Wegleitner im Lehrgangsleitungsteam, Aspekte von Caring Communities mit ein, aber auch in Form einer Zukunftswerkstatt Projekte wie HPCPH und HPC Mobil sowie Letzte-Hilfe-Kurse oder Initiativen für vulnerable Gruppen wie das Projekt LEO. Kommunikation zieht sich als zentrales Thema durch den gesamten Lehrgang – nicht umsonst betont Andreas Heller beim Auftakt immer wieder: Kommunikation ist der Kern von Palliative Care.

Wer nimmt am IPBL teil? Hat sich die Zielgruppe verändert?

In den letzten Jahren sehen wir zunehmend Teilnehmende aus der Grundversorgung, vor allem aus Krankenhäusern. Früher kamen mehr aus Wohn- und Pflegeheimen. Auch gesetzliche Rahmenbedingungen – etwa das Hospiz- und Palliativfondsgesetz – spielen eine Rolle, da ein absolvierter Basislehrgang in der spezialisierten Versorgung nun gesetzlich innerhalb von drei Jahren erforderlich ist.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die aus persönlichem Interesse oder zur beruflichen Neuorientierung teilnehmen. Diese Mischung ist uns wichtig. Besonders bereichernd sind oft die „Exot:innen“, jene Teilnehmenden aus weniger stark vertretenen Berufsgruppen – etwa Sozialarbeit, Seelsorge oder Pädagogik und Psychologie, weil sie neue Fragen und andere Denkweisen einbringen.

Mit der Auswahl versuchen wir es so zu lenken, dass wir auch Teilnehmer:innen aus entlegeneren Regionen in Tirol, wie z.B. Osttirol oder Außerfern, haben, damit das Wissen ausgewogen verteilt wird.

Der Andrang ist groß – musst Du viele Interessierte abweisen?

Ja, wir haben regelmäßig Wartelisten. Der Andrang war zeitweise sehr hoch, inzwischen hat sich das etwas entspannt, auch durch veränderte Finanzierungslogiken. Dennoch müssen wir immer wieder absagen. Wir versuchen dann, gut zu beraten und auf andere Angebote hinzuweisen, etwa auf den IPBL des Caritas Bildungszentrums in Tirol, der jährlich stattfindet und andere Schwerpunkte setzt.

Welche beruflichen Perspektiven eröffnet der Lehrgang?

Sehr viele. Wir erleben immer wieder, dass sich durch den Lehrgang beruflich etwas verändert: Teilnehmende wechseln in die spezialisierte Versorgung, entdecken neue Tätigkeitsfelder oder vertiefen ihre Rolle im bestehenden Arbeitsumfeld. Das Wissen geht dabei nie verloren – es wird weitergetragen, und die palliative Community wächst.

Hat sich der Lehrgang im Lauf der Jahre verändert?

Ja, sowohl das Curriculum als auch die Umsetzung entwickeln sich weiter. Es gibt österreichweite Abstimmungen und Austauschformate der Lehrgangsleitungen, was sehr bereichernd ist. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass regionale Besonderheiten und individuelle Gestaltungsräume erhalten bleiben. Bei uns gibt es z.B. eine Palliativambulanz und ein Tageshospiz, das ist etwas Spezielles, was es woanders in der Form nicht gibt. Unterschiedliche Referent:innen, lokale Strukturen und aktuelle gesellschaftliche Themen prägen jeden Lehrgang neu.

Aktuelle Herausforderungen ergeben sich etwa durch den Einsatz von KI-Tools bei Projektarbeiten oder durch neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Auch hier hilft der Austausch auf nationaler Ebene, um gemeinsam gute Lösungen zu finden.

Durch das HosPalFG-Gesetz hat die spezialisierte Versorgung Sicherheit bekommen, was die Qualitätssicherung und die Finanzierung bzw. Beiträge zu Lehrgängen und Weiterbildung betrifft, das hilft allen sehr.

Was ist Dir für die Zukunft des IPBL besonders wichtig?

Das Thema Vorurteile, Rollenzuschreibungen und Rollenerwartungen in Bezug auf Medizin und Pflege ist schon immer wieder eine Herausforderung im Lehrgang und gleichzeitig auch eine Chance,  gegenseitige Wertschätzung und auch den Mehrwert von interprofessioneller Zusammenarbeit zu vermitteln und zu erfahren – das finde ich sehr, sehr spannend.

Z.B. beim Symptom-Management und der -Linderung zu schauen, was kann welche Berufsgruppe beitragen, was kommt aus welcher Dimension heraus, im Sinne des Total Pain Konzepts übertragen auf andere Syndrome, nicht nur den Schmerz. Dass man schaut, was andere Berufsgruppen, wie z.B. Sozialarbeit, Psychologie oder Seelsorge für Zugänge haben, und man die Scheuklappen in diesem Lehrgang ein bisschen ablegt und schaut, was gibt es denn noch, was ist denn noch interessant, kann ich es auch anders denken – weil jede Person vielleicht was anderes braucht.

Ich wünsche mir, dass wir diese, gefühlt große, Freiheit bewahren können: innerhalb klarer Qualitätsstandards individuell, lebendig und zeitnah zu arbeiten. Bildung soll Raum bieten, um aktuelle, auch schwierige Themen zu reflektieren – etwa gesellschaftliche Entwicklungen oder ethische Fragestellungen. Dafür braucht es Vertrauen seitens der Träger und Fördergeber. Wenn dieses Vertrauen da ist, können wir den Lehrgang weiterhin nach bestem Wissen und Gewissen gestalten.

Sehr schönes Schlusswort, vielen Dank für Deine Zeit!

Das Interview führte Catrin Neumüller

Der Interprofessionelle Palliativ-Basislehrgang IPBL wird in mehreren Bundesländern angeboten und ist zugleich Level I des dreistufigen Masterstudiengangs Palliative Care, der seit 2006 von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Kooperation mit HOSPIZ ÖSTERREICH und St. Virgil Salzburg angeboten wird. Er richtet sich an Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialbereich und leistet einen wichtigen Beitrag zur Akademisierung von Palliative Care. Im Mittelpunkt steht das interprofessionelle Lernen – eine zentrale Grundlage für die Zusammenarbeit im beruflichen Alltag.
*  2007 erster Lehrstuhl-Inhaber für Palliative Care und Organisationsethik an der IFF-Fakultät (für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung)