Der Palliativpsychologe Mag. Thomas Wienerroither im Gespräch über sein Fach, sein Arbeitsfeld und die aktuellen Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten.
Welches psychologische Grundwissen ist für die Arbeit in der Hospiz und Palliative Care für alle Professionen wichtig?
Ich glaube, dass ein vertiefendes Grundwissen zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation und Gesprächsführung für alle essenziell ist. Außerdem wäre es aus meiner Sicht gut, wenn alle Berufsgruppen eine Grundschulung in psychologischer Erste Hilfe bekommen. Ich vergleiche das gerne mit der medizinischen Ersten Hilfe: Rettungssanitäter oder Menschen, die einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben, müssen keine ausgebildeten Mediziner sein, können aber im Notfall sehr gut helfen, bis Fachpersonal da ist. Ähnlich wäre das auch für alle Berufsgruppen in der Palliative Care sinnvoll.
Darüber hinaus braucht es aber noch mehr als dieses Wissen. Wichtig ist auch ein Bewusstsein über die Grenzen des Machbaren – sowohl über die Grenzen dessen, was medizinisch möglich ist, als auch über die Grenzen dessen, was psychologisch möglich ist. In manchen Situationen sind die Hoffnungen ein bisschen illusorisch und damit umgehen zu können, ist wichtig.
Ebenso braucht es ein Wissen über die eigenen Grenzen. In der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen wird man immer wieder mit Situationen konfrontiert, die emotional herausfordernd sind. Dazu kommt die Frage nach der eigenen Motivation: Warum mache ich das überhaupt? Warum will ich in diesem Bereich arbeiten? Deshalb halte ich regelmäßige Supervision und Selbsterfahrung für sehr wichtig.
Ebenso essenziell ist Klarheit über die Rollen und Aufgaben der einzelnen Berufsgruppen wie auch der betroffenen Menschen und ihrer Angehörigen. Man muss verstehen, in welchen Erlebenswelten sich Patient:innen, Angehörige sowie Medizin, Pflege und Therapie bewegen. Aus Sicht der Psychologie sind das für mich alles grundlegende „basic skills“ für alle Berufsgruppen im Bereich der Palliative Care.
Was von diesen Dingen gibt es schon und was fehlt noch?
Ich glaube, von den Dingen, die ich genannt habe, gibt es grundsätzlich alles schon. Viele dieser Themen sind auch Bestandteil von Basis- und Vertiefungsehrgängen der universitären Ausbildung
in Österreich. Kommunikation und Gesprächsführung sind beispielsweise fast überall Teil der Ausbildung. Auch das Rollenverständnis und die Frage nach der eigenen Motivation kommen vor.
Ich vermute allerdings, dass die Tiefe dieser Inhalte sehr unterschiedlich ist. Im Maststerstudiengang Palliative Care – Level II, dem PSSP-Lehrgang etwa bekommt man zu Themen wie Krisenintervention oder psychologischer Erste Hilfe sehr konkrete Tools und Ideen für die praktische Umsetzung an die Hand: Was kann man wann und wie tun?
Und wie sieht es mit der Palliativpsychologie als Spezialisierung aus? Warum braucht es sie und was gehört dazu?
Das ist eine schwierige Frage. Die klassischen Ausbildungen in klinischer Psychologie oder Psychotherapie sind im Grunde kurativ ausgerichtet. Sie gehen davon aus, dass man Symptome behandelt und bestenfalls auch heilt. Im palliativen Setting hat man jedoch andere Voraussetzungen und damit auch andere Zielsetzungen und Rahmenbedingungen.
Ein Beispiel: Im Rahmen einer kurativen klinisch psychologischen Behandlung oder Psychotherapie kann ich über viele Sitzungen hinweg z.B.: an einer Angststörung arbeiten. Im palliativen Bereich habe ich oft nur sehr begrenzte Zeit zur Verfügung. Das bedeutet, dass ich sehr schnell eine tragfähige Beziehung herstellen können muss. Das ist eine Frage der Technik und erfordert spezielles methodisches Wissen, z.B. zu Kurzinterventionen.
Außerdem halte ich systemisches Wissen für besonders wichtig. Sterben und Tod betreffen nie nur eine einzelne Person, sondern immer ein ganzes System: Familie, Angehörige, soziale Umgebung. In dieses System sind auch wir als Helfer eingebunden. Während man im klassischen psychotherapeutischen Setting hauptsächlich mit einem Klienten arbeitet, arbeitet man in der Palliativpsychologie in einer Einrichtung mit den Patienten, den Angehörigen und dem Behandlungsteam.
Darüber hinaus braucht es spezifisches Wissen zum Umgang mit Sterben, Tod, Trauer und Abschied. Auch ein Grundwissen über unterschiedliche spirituelle und religiöse Zugänge ist hilfreich. Ein weiterer zentraler Bereich ist Ethik. In der Palliativpsychologie geht es auch um die Unterstützung bei schwierigen ethischen Entscheidungen – etwa um medizinische Maßnahmen oder Behandlungsbegrenzungen. Hier braucht es ein solides medizinethisches Verständnis.
Zusätzlich braucht man auch medizinisches Basiswissen: Kenntnisse über wichtige Krankheitsbilder, typische Symptome, Möglichkeiten der Symptomkontrolle und auch über Nebenwirkungen von Medikamenten. All das ergibt zusammen ein Gesamtbild: Man hat das psychologische oder psychotherapeutische Grundwissen, braucht aber im Palliativbereich zusätzlich spezifisches Methodenwissen, systemisches Denken, ethische Kompetenz und medizinisches Wissen.
Gibt es dafür ein eigenes Berufsbild oder eine Definition der Kompetenzen?
Ja, in der Arbeitsgruppe Palliativpsychologie der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) haben wir ein eigenes Berufsbild für klinische Psychologie und Psychotherapie in Palliative Care entwickelt.1) Darin wird aufgeschlüsselt, welche zusätzlichen fachlichen und persönlichen Qualifikationen empfohlen sind.
Dort finden sich beispielsweise Themen wie die Belastungen und Bedürfnisse der Menschen im palliativen Setting – und damit sind nicht nur Patientinnen und Patienten gemeint, sondern auch Angehörige und die Behandler selbst. Weitere Bereiche sind Familiensysteme, Interventionstechniken, psychische und somatische Krankheitsbilder sowie Wissen über Medikamente, Nebenwirkungen und Behandlungsmöglichkeiten.
Wichtige Inhalte sind auch Krisenintervention, Notfallpsychologie und Grundwissen in Psychotraumatologie. Gerade am Lebensende können alte Lebenstraumata wieder auftauchen, weil Menschen in eine Situation großer Hilflosigkeit geraten. Ebenso wichtig ist Wissen über Trauerprozesse, Ethik, Spiritualität sowie religiöse und rechtliche Rahmenbedingungen.
Auf der persönlichen Ebene braucht es zudem eine hohe Flexibilität. Man kann in diesem Setting nicht streng nach Therapieschema arbeiten. Man kann nicht sagen: Wir machen jetzt jede Sitzung exakt 50 Minuten. Manchmal hat man nur zehn Minuten Zeit, manchmal zwei Stunden – je nachdem, wie es dem Menschen gerade geht. Man muss auch damit leben können, dass Dinge offen bleiben.
Wie bist du selbst in diesen Bereich eingestiegen? Gab es damals entsprechende Ausbildungen?
Als ich 2008 eingestiegen bin, gab es praktisch nichts. Es gab keine Handbücher und kaum Fachliteratur. Mein Einstieg war ein zweitägiger Workshop bei Martin Fegg in München, er war der erste Psychologe, der im Bereich Palliativ Care promoviert hat.
Danach habe ich mich viel mit Psychoonkologie beschäftigt, allerdings ist diese stark auf Krebserkrankungen fokussiert. Andere Erkrankungen, etwa neurodegenerative Erkrankungen wie ALS oder Multiple Sklerose, kommen dort kaum vor.
Aus dieser Situation heraus habe ich 2012 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Deutschland ein Curriculum für Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen in Palliative Care weiterentwickelt. Dieses Curriculum ist heute in Deutschland akkreditiert und wird regelmäßig angeboten.
Ein besonders wichtiger Teil davon ist die Selbsterfahrung. Dabei geht es intensiv um Themen wie die eigene Sterblichkeit oder den Verlust nahestehender Menschen. Ich denke, dass wir PsychologInnen und PsychotherapeutInnen erst nach intensiver Auseinandersetzung und eigener Klärung dieser Themen hilfreich für Betroffene sein können.
Welche Rolle spielen Erfahrungen und Lernen im Arbeitsalltag?
Ein großer Teil ist tatsächlich Learning by Doing. Man lernt auch durch Fehler. Ich habe am Anfang sicher Konzepte verwendet, die ich heute nicht mehr anwenden würde. Ein Beispiel ist der Gedanke des „Loslassens“, den ich früher stärker vertreten habe. Heute würde ich das ganz anders sehen.
Ein Wunsch von mir ist deshalb, dass Kolleginnen und Kollegen von den Erfahrungen anderer profitieren können und nicht in die gleichen Fettnäpfchen treten müssen, in die wir am Anfang getreten sind. Um das zu ermöglichen, wurde in Österreich das Institut für Palliativpsychologie gegründet, welches regelmäßig in Form eines Fachtages, aber auch durch einen regelmäßigen virtuellen Stammtisch sowie einer kostenlosen Supervision für Mitglieder eine Plattform dafür bietet.
Wie sieht die Situation in Österreich aus – sowohl bei Ausbildungsangeboten als auch bei Arbeitsmöglichkeiten?
In Österreich sind derzeit vor allem interprofessionelle Basislehrgänge und darauf aufbauende Vertiefungslehrgänge anerkannt. Diese sind sehr wertvoll, weil sie verschiedene Berufsgruppen zusammenbringen. Gleichzeitig ist es aber schwierig, in der gleichen Zeit die Inhalte für Medizin, Pflege, psychosoziale und spirituelle Berufe gleichermaßen zu vertiefen.
Viele Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen haben bereits eine lange akademische Ausbildung absolviert und sind daher nachvollziehbarerweise wenig motiviert, erneut umfangreiche akademische Arbeiten zu schreiben, was natürlich auch ein wenig abschreckt. Andererseits kann in dieser Weiterbildung zusätzliches Wissen in den Bereichen Ethik, Medizin, Spiritualität oder Sozialarbeit im palliativen Kontext erworben werden .
Im Studium selbst spielt Palliative Care bisher kaum eine Rolle. In der universitären Psychologie kommt das Thema praktisch nicht vor, und auch in vielen psychotherapeutischen Ausbildungen steht die Behandlung psychischer Störungen im Vordergrund.
Mein Traum wäre, dass wir es schaffen in Österreich – ähnlich wie in Deutschland – eine akkreditierte Fortbildung nach dem Curriculum Palliativpsychologie für Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen auf die Beine zu stellen.
Wie sieht es mit dem Bedarf an solchen Fachkräften aus?
Der Bedarf ist definitiv vorhanden. In vielen Einrichtungen gibt es derzeit nur Teilzeitstellen für Psycholog:innen oder Psychotherapeut:innen. Ich glaube jedoch, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird – auch durch neue Rahmenbedingungen sowie dem Bewusstsein über die Notwendigkeit dieser Behandlungssäule.
Wenn man den tatsächlichen Bedarf decken wollte, könnten wir ihn derzeit wahrscheinlich gar nicht vollständig bedienen, was auch der schwierigen Finanzierung geschuldet sein dürfte. Besonders im extramuralen Bereich, also etwa in mobilen Palliativteams, gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In manchen Regionen fahren Psycholog:innen / Psychotherapeut:innen zu Familien nach Hause, in anderen gibt es solche Angebote gar nicht. Auch hier scheitert es einerseits an der Finanzierung, andererseits braucht es vermutlich auch noch etwas Bewusstseinsbildung.
Du engagierst Dich sehr aktiv…
In Österreich haben wir vor drei Jahren ein bisschen aus der Not heraus einen eigenen Verein gegründet, das Institut für Palliativpsychologie Österreich. Und wir haben heuer zum dritten Mal einen Fachtag für Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen zum Thema Palliativpsychologie im März in St. Virgil in Salzburg veranstaltet, der immer sehr gut besucht ist.
Da merkt man, dass das Thema „Lebensende“ auch ein Thema von Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen ist. Das betrifft nicht nur die Kolleg:innen in spezialisierte Einrichtungen, sondern vor allem die niedergelassenen Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen. Die Kehrseite ist, dass für ein umfangreicheres Ausbildungsangebot oft nur begrenzte Budgets und begrenzte Zeitressourcen zur Verfügung stehen.
Innerhalb der IPPÖ haben wir uns vor allem den Schwerpunkt der palliativpsychologischen Weiterbildung vorgenommen. Man muss allerdings bedenken, dass dies für uns auch sehr zeitaufwändig ist, und wir ja auch noch hauptberufliche und familiäre Verpflichtungen haben.
Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?
Ich würde mir sehr wünschen, dass sich mehr Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen trauen, in diesem Bereich zu arbeiten. Es gibt nach wie vor viele Berührungsängste, die aus meiner Sicht oft unbegründet sind. Ich hatte diese Ängste am Anfang selbst.
Zugleich braucht es mehr Fortbildungsangebote und mehr strukturelle Unterstützung. Unser Verein arbeitet daran, solche Angebote aufzubauen – etwa Fachtagungen oder Workshops speziell für Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen.
Langfristig wäre es ein Ziel, auch in Österreich ein umfassendes Curriculum für Palliativpsychologie anzubieten. Derzeit ist das organisatorisch allerdings noch schwierig, weil viele dieser Initiativen ehrenamtlich organisiert werden. Trotzdem hoffen wir, dass sich Schritt für Schritt mehr Möglichkeiten für Ausbildung und Austausch entwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Catrin Neumüller
Mag. Thomas Wienerroither ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychoonkologe, Palliativpsychologe, zertifizierter Ethikberater im Gesundheitswesen und Vorstandsmitglied der IPPÖ, Weiterbildungen u.a. Palliative Care, Klinische Hypnose nach Milton Erickson, Acceptance- und Commitment-Therapie (ACT), Schematherapie, Brainspotting. Er arbeitet als Klinischer Psychologe an der Palliativstation im LK Vöcklabruck, ist dort auch Teil des klinischen Ethikomitees als Ethikberater und in eigener Praxis in in Timelkam tätig. Zudem laufende Unterrichts- und Vortragstätigkeit mit Schwerpunkt Palliativ Care, Trauer, Psychoonkologie und Palliativpsychologie. Mitglied der AG Palliativpsychologie/-psychotherapie in der OPG, Mitglied in der Lehrgangsleitung ULG Stufe 2 PSSP der PMU in Salzburg, Mitglied in der Lehrgangsleitung Ärztediplom-Fortbildung Palliativ Care Vöcklabruck
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Arbeitsgruppe Palliativpsychologie der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) – Berufsbild für klinische Psychologie und Psychotherapie in Palliative Care – inkl. Broschüre zum Download https://www.palliativ.at/die-opg/arbeitsgruppen/palliativpsychologie-und-psychotherapie/berufsbild-palliativpsychologie/-psychotherapie
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Institut für Palliativpsychologie Österreich https://www.palliativpsychologie.at/
