Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Gemeinsam lernen – gemeinsam sorgen

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Palliative Care – Fachspezifischer Vertiefungslehrgang Level II

In der Hospiz- und Palliative Care ist inter- und  multiprofesionelle Zusammenarbeit oft gelebter Alltag. Menschen mit schweren, unheilbaren Erkrankungen werden selten nur von einem Versorgungssystem begleitet. Sie leben zu Hause, in Pflegeheimen, werden von mobilen Diensten betreut und kommen in Kontakt mit spezialisierten (mobilen) Hospiz- und Palliativteams.

Dass all diese Berufsgruppen auch im Rahmen des Fachspezifischen Vertiefungslehrgangs Palliativpflege gemeinsam lernen und als Akademische:r Expert:in Palliative Care abschließen, erscheint daher nur konsequent – und ist doch immer wieder eine Herausforderung.

Unterschiedliche Welten, unterschiedliche Logiken

Pflegepersonen aus der spezialisierten Hospiz- und Palliativversorgung bringen vertiefte Kenntnisse in Symptomkontrolle, Kommunikation in Krisensituationen und Begleitung am Lebensende mit. Kolleg:innen aus der Grundversorgung hingegen begleiten und pflegen Menschen oft über Jahre hinweg, kennen und verstehen deren Lebensgewohnheiten, Familienstrukturen und den Alltag in Pflegeeinrichtungen oder im häuslichen Umfeld.

Wenn diese beiden Perspektiven im gemeinsamen Lehrgang aufeinandertreffen, prallen unterschiedliche Arbeitsrealitäten aufeinander:

Zeitressourcen, Personalschlüssel, organisatorische Rahmenbedingungen und auch der Zugang zu medizinischer Expertise unterscheiden sich erheblich. Was in einem spezialisierten Team als Standard gilt – etwa regelmäßige multi- und interprofessionelle Klient:innenbesprechungen oder umfassende psychosoziale Begleitung – ist in der Langzeitpflege oder Hauskrankenpflege oft schwer umsetzbar.

Diese Unterschiede können in Lernsituationen zu Frustration führen. Studierende aus der Grundversorgung erleben Inhalte manchmal als „zu idealistisch“ oder fern ihrer Möglichkeiten. Umgekehrt reagieren Studierende, die in spezialisierten Teams arbeiten, bisweilen mit Unverständnis, wenn bestimmte palliative Prinzipien im „Grundversorgungs-Alltag“ nicht konsequent(er) umgesetzt werden.

Sprache, Selbstverständnis und Rollenbilder

Eine weitere Herausforderung liegt in der Sprache. Fachbegriffe, Konzepte und Modelle, die in der spezialisierten Palliativversorgung selbstverständlich sind, wie etwa das Total Pain Modell von Cicely Saunders oder das Konzept der abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung, sind in anderen Bereichen weniger geläufig. Gleichzeitig verfügen Pflegepersonen aus der Grundversorgung über ein enormes Erfahrungswissen, auf das im akademischen Setting durch die  Lehrgangsleitenden und Vortragenden aktiv eingebunden und gehoben werden muss, um sichtbar zu werden.

Auch das berufliche Selbstverständnis unterscheidet sich: Während spezialisierte Palliativteams oft mit einem klar umrissenen Auftrag und hoher fachlicher Autonomie arbeiten, erleben sich Pflegepersonen in der Grundversorgung häufiger und stärker in institutionelle Abläufe eingebunden und mit vielfältigen, nicht immer priorisierbaren, Aufgaben konfrontiert.

Im Fachspezifischen Vertiefungslehrgang Pflege bedeutet „Gemeinsames Lernen“  nicht nur frontal konsumierte Wissensvermittlung, sondern vor allem „Lernen von und mit den anderen Kolleg:innen“ – vor allem, wenn sie aus „fremden“ Pflegewelten kommen. Das Aushandeln von Rollen und Erwartungen, Toleranz und Respekt vor unterschiedlichen Arbeitsrealitäten ist dabei zentral.

Voneinander lernen statt nebeneinander arbeiten

Gerade in der Unterschiedlichkeit der Studierenden liegt eine große Chance. In der Begegnung mit Kolleg:innen aus unterschiedlichen Pflegekontexten entsteht Verständnis für die jeweiligen Rahmenbedingungen.  So erfahren Studierende aus der spezialisierte Palliativpflege ein realistischeres Bild vom Pflege- und Betreuungsalltag in Pflegeheimen oder in der mobilen Betreuung. Die Grundversorgung wiederum erhält Einblick in palliative Konzepte, und erleben, dass diese auch mit begrenzten Ressourcen schrittweise umgesetzt werden können.

Diese Lernprozesse wirken weit über den Vertiefungslehrgang hinaus. Kontakte werden geknüpft, Hemmschwellen abgebaut, spätere Kooperationen erleichtert. Wer ein Gesicht zu einer Organisation oder einem Team hat, greift im Bedarfsfall eher zum Telefon und sucht Unterstützung.

Voraussetzungen für gelingendes gemeinsames Lernen

Damit der Fachspezifische Vertiefungslehrgang Palliativpflege sein volles Potenzial entfalten kann, braucht es didaktische Sensibilität und methodische Klarheit. Inhalte müssen an die unterschiedlichen Vorerfahrungen anschließen, Beispiele aus verschiedenen Versorgungssettings aufgegriffen und Raum für Austausch und gemeinsames Arbeiten sichergestellt werden. Fallbesprechungen, kollegiale Beratung und das Einbringen eigener Erfahrungen sind dabei oft wirkungsvoller als rein frontale Wissensvermittlung. Seit jeher setzen daher alle Lehrgänge, die im Rahmen des Masterstudiums Palliative Care stattfinden, auf breit gefächerte, akademisch und praxisrelevante Curricula, die regelmäßig durch die Studiengangsleitung und den wissenschaftlichen Beirat des Masterstudiums evaluiert werden.

Ebenso wichtig ist eine wertschätzende Haltung gegenüber allen Teilnehmenden. Wer aus der Langzeitpflege kommt, bringt ebenso Expertise mit wie jemand aus einem spezialisierten Palliativteam – nur in anderen Kontexten erworben. Diese Gleichwertigkeit sichtbar zu machen, stärkt das Selbstbewusstsein und fördert echte Lernpartnerschaft.

Gemeinsames Lernen als Baustein einer Caring Society?

Hospiz- und Palliativversorgung ist mehr als ein spezialisiertes Versorgungsangebot. Sie steht für eine gesellschaftliche Haltung: dass alle Menschen bis zuletzt würdevoll leben und begleitet werden. Dieses Verständnis kann nur dann breit getragen werden, wenn es nicht auf wenige Expert:innen beschränkt bleibt, sondern in alle Bereiche von Pflege und Betreuung hineinwirkt.

Der Fachspezifische Vertiefungslehrgang Palliativpflege  trägt dazu bei, dass hospizliche und palliative Prinzipien – etwa Symptomlinderung, Vorausschauende Planung, Einbeziehung von An- Zugehörigen oder achtsame Kommunikation – zu selbstverständlichen Bestandteilen der Grundversorgung werden. Dadurch kann Hospiz- und Palliative Care aus der Expert:innen-Nische geholt und als gemeinsamer Auftrag verstanden.

Unterschiedlichkeiten  als Ressource begreifen

Gemeinsames Lernen von Pflegepersonen aus spezialisierter Hospiz- und Palliativversorgung und Grundversorgung ist anspruchsvoll. Es macht strukturelle Ungleichheiten sichtbar und konfrontiert mit Grenzen des eigenen Systems. Gleichzeitig eröffnet es die Möglichkeit, Brücken zu bauen – zwischen Einrichtungen, Berufsgruppen und Haltungen.

Ziel des Fachspezifischen Vertiefungslehrgangs Palliativpflege ist es, neben des Erwerbs des Akademischen Experten in Palliative Care, Unterschiedlichkeiten nicht als Defizit, sondern als Ressource zu begreifen.

Dadurch kann ein gemeinsames Verständnis von Care entstehen, das über einzelne Institutionen hinausreicht. Genau darin liegt eine der zentralen Zukunftsaufgaben der Hospizbewegung in Österreich: Wissen zu teilen, Perspektiven zu verbinden und damit die Sorgekultur in der gesamten Gesellschaft zu stärken.

Marianne Buchegger