Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Comics lehren uns hinzusehen. Und hinzuhören.

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Rainer Simader im Gespräch mit Eva Maselüber den Einsatz von Medical Comics in der Lehre.
Univ.-Prof.in Priv.-Doz.in DDr.in Eva Katharina Masel, MSc ist Leiterin der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin am Wiener Allgemeinen Krankenhaus und lehrt und forscht an der Medizinischen Universität Wien. 

Rainer Simader
Eva, ganz direkt: Warum brauchen Medizinstudierende – und eigentlich alle, die im Hospiz- und Palliativbereich arbeiten – Comics, um Kommunikation zu lernen?

Eva Masel
Weil Kommunikation dort beginnt, wo Worte fehlen. Genau das erleben wir in der Begleitung von schwer kranken und sterbenden Menschen und auch mit An- und Zugehörigen jeden Tag. Palliative Care besteht nicht nur aus Fakten. Sie besteht aus Beziehungen, Emotionen, Unsicherheiten und oft auch aus Sprachlosigkeit. Comics können dieses Sprachlose sichtbar machen, sie zeigen die Räume, in denen wir oft keine Worte finden – ohne es sofort erklären oder auflösen zu müssen. Sie verbinden unterschiedliche Perspektiven. Mit Bild und teilweise Text schaffen sie einen Raum, in dem komplexe, ambivalente oder auch belastende Situationen sichtbar und besprechbar werden.

Viele denken bei Comics an Unterhaltung. Ist das nicht zu leicht für schwere Themen wie Sterben, Abschied oder Überforderung?

Im Gegenteil. Medical Comics sind keine Cartoons. Sie sind häufig nicht lustig, sondern primär ehrlich. Sie sind eine eigenständige Kunstform innerhalb der Medical Humanities, also der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Ärztinnen und Ärzte stehen im klinischen Alltag vor enormen fachlichen und menschlichen Herausforderungen. Neben medizinischem Wissen braucht es einen professionellen Umgang mit Patientinnen und Patienten, mit An- und Zugehörigen sowie mit Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig müssen auch eigene Bedürfnisse, Grenzen und Emotionen wahrgenommen werden. Uns war wichtig, Medizinstudierende bereits im Studium für diese Situationen zu sensibilisieren. Der Ansatz der World Health Organization „The arts, health and well-being“ hat uns dabei inspiriert. Medical Comics bieten einen niederschwelligen, kreativen Zugang, der individuelles Reflektieren und die Entwicklung eigener Handlungsstrategien. Medical Comics können herausfordernde Inhalte transportieren, die Unsicherheit, Scheitern oder Tabus aufzeigen. Und genau das trauen sich viele Menschen eher anzuschauen, wenn es grafisch dargestellt ist – statt als theoretischer Text oder als Leitlinie.

Was passiert konkret, wenn Studierende mit Comics arbeiten?

Sie schauen anders hin. Sie fragen nicht zuerst: Was ist richtig? Sondern: Was sehe ich? Was löst das in mir aus? Unser Motto war „Make them smart, show them art“. Medizinstudierende haben mittlerweile die großen Prüfungen via Multiple Choice, was meist eine richtige Antwort bedeutet. In Medical Comics geht es aber um verschiedene Perspektiven und die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels, indem grafisch verschiedene Wahrnehmungen dargestellt werden können. Und damit sind wir mitten in Kommunikation und Selbstreflexion. Man kann Comics zum Beispiel in interdisziplinären Fallkonferenzen oder Seminaren verwenden. Das lockert auch auf und kann manche „hard“ facts auf eindrückliche Weise vermitteln. Die Studierenden bekommen beispielsweise einen Comic als Impuls und bearbeiten dazu Reflexionsfragen – etwa zu Kommunikation, Haltung oder zu ethischen Dilemmata.

Du lässt Studierende auch selbst Comics zeichnen. Warum?

Weil sie dabei Dinge ausdrücken, die sie nie in Worte fassen würden. Ein Comic erlaubt eine sehr kompakte Erfassung komplexer Situationen. Das ist extrem wertvoll – gerade für junge Menschen, die lernen müssen, mit Unsicherheit umzugehen und viele theoretische Situationen das erste Mal in der Praxis erleben. Medical Comics öffnen einen Raum, in dem Studierende über Emotionen, Werte und Haltung nachdenken können, man nennt das auch „rounded doctors“. Diese Form der Selbstreflexion ist extrem wertvoll und erstaunlich tiefgehend. Manche Studierende wehren sich auch und sagen: „Ich studiere nicht Kunst“, doch es ist unglaublich, welchen Schatz an Inhalten wir erhalten haben, als die Studierenden selbst kreativ tätig wurden.

Was lernen sie dabei über Kommunikation?

Dass Kommunikation nicht nur aus Sätzen besteht, sondern auch aus Wahrnehmung und einem „Zwischen den Zeilen lesen“. Emotionen, Blicke, Körperhaltung, Nähe, Distanz, Macht, Hierarchie – all das wird in Comics sichtbar. Und plötzlich merken sie: Ich kommuniziere immer. Auch wenn ich nichts sage.

Warum ist das gerade für Hospiz- und Palliativarbeit relevant?

Weil dort jede Begegnung existenziell ist. Weil wir ständig zwischen Hoffnung, Ehrlichkeit und Zumutbarkeit balancieren. Comics helfen, diese Spannungsfelder auszudrücken – ohne vorschnelle Lösungen.

Ist das nur etwas für Ärzt:innen?

Medical Comics sprechen nicht nur Ärzt:innen an. Sie sind interprofessionell anschlussfähig. Jede Berufsgruppe bringt eigene Perspektiven mit – und genau das macht die gemeinsame Betrachtung so fruchtbar. In Teams können Comics helfen, unterschiedliche Sichtweisen nebeneinander stehen zu lassen: die der Patient:innen, der An- und Zugehörigen und der Professionist:innen. Das fördert gegenseitiges Verständnis und Teamkommunikation.

Was sind die Vorteile, Comics in Lehre oder Fortbildung einzubauen?

Sie regen zur Reflexion an. Nicht nur über die anderen, sondern auch über uns selbst. Und das ist die Basis guter Kommunikation. Comics senken die Einstiegshürde. Man braucht kein Vorwissen. Sie fördern aktives Nachdenken statt passiven Zuhörens. Und vor allem: Sie schaffen emotionale Resonanz – und genau die bleibt im Gedächtnis. Sie eröffnen Gesprächsräume für Themen, die sonst oft vermieden werden, etwa Prognosegespräche, Scheitern oder eigene Überforderung. Unser dreijähriges Projekt „Art-Action-Attitude“ mit jährlichen Ausstellungen zu Graphic Medicine (www.meduniwien.ac.at/medical-comics) am Allgemeinen Krankenhaus Wien wurde im Jahr 2023 beim Ars-Docendi-Staatspreis für exzellente Lehre mit einem Anerkennungspreis geehrt und in der Kategorie „Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur“ auf die Shortlist aufgenommen.

Zum Schluss: Wenn du es auf einen Satz zuspitzen müsstest – warum Medical Comics?

Weil sie uns lehren, hinzusehen.

Das Gespräch führte Rainer Simader.

 


© Kristina Pfoser


© M. Prodromou


© David Vogelauer

 

Hier noch Literatur sowie ein Link zu unserer Medical Comics Broschüre: https://innere-med-1.meduniwien.ac.at/fileadmin/content/OE/innere-med-1/dokumente/Palliativ/PalliativeCareComicGermanVersion.pdf
Kitta A, Winsauer S, Marx S, et al (2025) A comic that explains palliative care: how patients experience comic-based educational material. Wien Klin Wochenschr 137:325–334. https://doi.org/10.1007/s00508-024-02480-9
Masel EK, Adamidis F, Kitta A, et al (2020a) Using medical comics to explore challenging everyday topics in medicine: lessons learned from teaching medical humanities. Ann Palliat Med 9:1841–1846. https://doi.org/10.21037/apm-20-261
Masel EK, Kitta A, Koblizek R, Praschinger A (2020b) Using medical comics to highlight medical humanities. Med Educ 54:1049–1050. https://doi.org/10.1111/medu.14308
Praschinger A, Koblizek R, Kutalek R, Masel EK (2023) Global health – spread it with comics! GMS J Med Educ 40:Doc28. https://doi.org/10.3205/zma001610
Adamidis F, Kum L, Kitta A, et al (2022) The potential of medical comics to teach palliative care skills: a cross-sectional study of 668 medical students. Ann Palliat Med 11:3436–3443. https://doi.org/10.21037/apm-22-637