Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Fachtagung VSD Vorsorgedialog® – Nachlese

veröffentlicht am

Am 26. November 2019 lud der Dachverband Hospiz Österreich Entscheidungsträger und Praktiker*innen, die in der Grundversorgung arbeiten, zu einer Fachtagung zum VSD Vorsorgedialog® (VSD) ins Albert-Schweitzer-Haus in Wien.

Ziel war es, für eines der drängendsten Probleme, nämlich die fehlende Finanzierung des VSD, Impulse zu einer Lösung zu geben. Als niederschwelliges Instrument der vorausschauenden Planung wird der VSD von allen, die ihn entwickelt haben, die ihn kennen und in Pioniereinrichtungen anwenden, sehr befürwortet. Das Geld für seine breite Durchführung fehlt jedoch.

Waltraud Klasnic, Vorsitzende Dachverband Hospiz Österreich, verwies in ihren Begrüßungsworten auf die vielen, die in verschiedenen Gremien und auch als Personen an der bisherigen Entwicklung des VSD Anteil hatten, u.a. den Mitgliedern des Beirats Hospizkultur und Palliative Care in der Grundversorgung, und dankte den Anwesenden für ihre Teilnahme.

Karl Bitschnau, Vizepräsident im Dachverband Hospiz Österreich und Leiter Hospiz Vorarlberg, und Sigrid Beyer, Bereichsleiterin für Hospizkultur und Palliative Care (HPC) in der Grundversorgung  im Dachverband Hospiz Österreich, führten durch den weiteren Tag.

Was ist der VSD?

Waltraud Klasnic und Leena Pelttari, Geschäftsführerin des Dachverbandes Hospiz Österreich, ließen dann in einem Dialog das Publikum an der Entwicklung des VSD teilhaben. Mehr dazu in den Hintergrundinformationen. Österreich ist mit diesem strukturierten Vorgehen und dem Anspruch, ein Dokument für das gesamte Bundesgebiet zu entwickeln, vorbildhaft.

Der VSD ist ein wiederholter strukturierter Kommunikationsprozess zwischen Bewohner*innen, Ärzt*innen, Pflegenden und, wenn von den Bewohner*innen gewünscht, auch Angehörigen und Vertrauenspersonen. Im Mittelpunkt steht der Wille der Bewohner*innen, deren Wünsche zu einem guten Leben im Heim, zu kritischen Situationen und für das Lebensende erhoben und gut dokumentiert werden. Auf Wunsch der Bewohnerin/des Bewohners wird ein Krisenblatt ausgefüllt und die Entscheidungen zu Reanimation, Krankenhaustransfer und PEG-Sonden-Ernährung eingetragen. Bei nicht mehr entscheidungsfähigen Bewohner*innen wird der mutmaßliche Wille erhoben. Mehr dazu in den Hintergrundinformationen.

Impulse aus dem Sozialministerium

Sektionschef Manfred Pallinger aus dem BMASGK erinnerte an seinen ersten persönlichen Kontakt mit dem Thema beim Vernetzungstreffen zum Projekt „Hospizkultur und Palliative Care in Alten- und Pflegeheimen – HPCPH“ 2014: „Ich komme gern zu den verschiedenen Veranstaltungen von Hospiz Österreich, gibt es doch immer etwas Neues zu erfahren und auch selbstreflexiv Antworten auf Fragen zu überlegen: Wie möchte ich es einmal haben? Was ist mir selber wichtig?“ – Er betonte, wie wichtig der VSD sei, da er als strukturiertes, freiwilliges Gesprächsangebot  für Bewohner*innen, Fachkräfte der medizinischen und pflegerischen Betreuung und Angehörige Sicherheit schaffen kann und das Zusammenwirken der verschiedenen Berufsgruppen auf Augenhöhe fördert. Die Finanzierung sei für die Ausweitung des VSD auch auf den mobilen Bereich unumgänglich notwendig und betrifft mehrere  Ressorts. Derzeit ist es möglich, den VSD über die Bundesländer und die €18 Mio. des Zweckzuschusses für die Erweiterung der Hospiz- und Palliativbetreuung gemäß § 2 Abs. 2a des Pflegefondsgesetzes als innovative Maßnahme abzurechnen. SC Pallinger nahm im Weiteren auf aktuelle Entwicklungen in seinem Ressort Bezug, wie die jährliche Valorisierung des Pflegegelds und den Rechtsanspruch auf Pflegekarenz. Er erwähnte zwei Studien, die Frau Bundesministerin Brigitte Zarfl ganz aktuell vorgestellt hatte, eine zur Finanzierung der Pflege und die Personalprognosestudie von GÖG. Um die Herausforderungen in der Zukunft zu bewältigen, müssten jetzt alle – Bund, Länder, Sozialversicherungen und Anbieter – die Zeit gut nützen, und zwar gemeinsam. Mit Dank an alle für die Beharrlichkeit in diesen Themen beendete SC Pallinger seinen Beitrag .

Szenische Darstellung eines VSD

Es schloss sich eine sehr berührende szenische Darstellung eines gelungenen Vorsorgedialogs an. Die Darsteller*innen kamen aus der Praxis bzw. der intensiven Beschäftigung mit dem VSD. – In moderierten Tischgruppen gab es anschließend die Gelegenheit, sich zum VSD und den eigenen Erfahrungen und Reaktionen zur Darstellung auszutauschen. Aus den Wortmeldungen während und nach der Fachtagung wurde deutlich, dass viele der Anwesenden durch diese Darstellung gut aufnehmen konnten, was der VSD ist und kann.

Video der szenischen Darstellung (verkürzt auf 29:18 Min, veröffentlicht am 17.02.2020)

Hospizkultur und Palliative Care (HPC) in der Grundversorgung 

Sigrid Beyer als Bereichsleiterin für Hospizkultur und Palliative Care (HPC) in der Grundversorgung im Dachverband Hospiz Österreich widmete ihren Beitrag eben diesem Thema. Sie führte aus, was HPC in der Grundversorgung bedeutet, welche Projekte es dazu bereits gibt und wie wichtig die Zusammenarbeit mit der spezialisierten Hospiz- und Palliativversorgung ist. Mehr dazu >> hier

Zur Praxis und Evaluation des VSD

Regina Lindenhofer, DGKP, Qualitätsbeauftragte im Haus St. Barbara/Wien, in dem der VSD seit zwei Jahren gelebte Praxis ist, gab einen umfassenden und klaren Bericht zur Implementierung, Durchführung und bisherigen Ergebnissen, Erkenntnissen und Herausforderungen. Wie auch in anderen Pilotheimen nehmen die Bewohner*innen den VSD sehr gern an, die Mitarbeiter*innen fühlen sich sicherer. Herausforderungen sind u.a. die fehlende Finanzierung der zusätzlich aufgewendeten Zeit von Arzt/Ärztin und Pflege, die Komplexität der Krankheitsbilder, die Kommunikation mit den Angehörigen und, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um ein VSD Gespräch vorzuschlagen.

Nach der Mittagspause gab Christa Peinhaupt vom Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit in Graz Einblick in die Ergebnisse und Handlungsfelder der Begleitforschung zur Implementierung des Instruments VSD Vorsorgedialog® in steirischen HPCPH Heimen. Die vielfältigen Erkenntnisse und Anregungen können Sie >> hier nachlesen. Um den VSD in einem Heim einführen und durchführen zu können, muss eine lebendige HPC Kultur bereits vorhanden sein.

Ein Blick auf die Finanzierung in Deutschland

Marcus Schneider, Fachreferent in der Abteilung Gesundheit beim Spitzenverband Bund der Krankenkassen in Deutschland, erklärte in seinem mit Spannung erwarteten Beitrag das System der Finanzierung der gesundheitlichen Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase in Deutschland. Die Entscheidung dafür war relativ plötzlich auf der politischen Ebene gefallen.

Die Finanzierung der gesundheitlichen Versorgungsplanung durch die Krankenkassen erfolgt derzeit nur in zwei Settings, der vollstationären Langzeitpflege und Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Die Gespräche werden von Personen aus medizinischen, pflegerischen oder pädagogischen Grundberufen mit mind. 3 Jahren Berufserfahrung durchgeführt, die eine Fortbildung nach einem einheitlichen Curriculum absolviert haben. Die Weiterbildung umfasst 48 UE Theorie und 2 Praxisteile. Die Dokumentation ist in drei Schritten vorgegeben. – Einrichtungen bzw. Träger entscheiden selber, ob sie diesen Dienst anbieten und bekommen dann Personal- und Sachkosten nach einem bestimmten Schlüssel ersetzt. Derzeit, bis zum Ende der Pilotphase 2021, handelt es sich um eine Pauschalfinanzierung, da es noch keine Daten gibt, um einen Einzelaufwand zu berechnen. Seit 1.1.2019 werden auch Ärzt*innen extra abgerechnet. Eine Evaluierung wird angestrebt. Die Einzelheiten finden Sie >> hier

Podiumsgespräch Expert*innen und Entscheidungsträger zur Finanzierung

Es schloss sich ein Podiumsgespräch an, in dem Expert*innen und Entscheidungsträger sich insbesondere zum Thema Finanzierungsmöglichkeiten austauschten: Franz Kiesl (designierter Fachbereichsleiter für das Versorgungsmanagement I der Österreichischen Gesundheitskasse), Michael Lang (Präsident der Ärztekammer Burgenland, Leiter des ÖÄK-Referats Geriatrie und des Notfallreferats, ÖÄK-Vertreter im Beirat für Hospizkultur und Palliative Care in der Grundversorgung), Leena Pelttari (Geschäftsführerin Dachverband Hospiz Österreich), Gerda Schmidt (DGKP, Wohnbereichsleiterin CS Pflegezentrum Pramergasse, langjährige Beschäftigung mit vorausschauender Planung bei Menschen mit Demenz), Marcus Schneider (Fachreferent in der Abteilung Gesundheit beim Spitzenverband Bund der Krankenkassen in Deutschland), Klaus Peter Schuh (Allgemein- und Palliativmediziner im Burgenland, Pionier in der Durchführung des VSD).

Im Kern, so stimmten alle überein, geht es beim VSD um ein Instrument, das die Lebensqualität und Selbstbestimmung von Patient*innen unterstützt und fördert und das Leid durch unnötige Krankenhausüberweisungen verhindert.

Mit Optimismus wurde das Thema der fehlenden Finanzierung besprochen. Aktuell ist es möglich, darauf hatte SC Pallinger bereits hingewiesen, den VSD über die €18 Mio. des Zweckzuschusses für die Erweiterung der Hospiz- und Palliativbetreuung gemäß § 2 Abs. 2a des Pflegefondsgesetzes als innovative Maßnahme abzurechnen. Die Bundesländer müssen dieses Geld abholen. Weiters sei für eine Regelfinanzierung eine politische Entscheidung notwendig. Diese sei so zu gestalten, dass es eine gemeinsame Entscheidung aller Betroffenen ist: also Länder, Bund und ÖGK sowie Anbieter. Es sei auch notwendig, den Gesetzgebern und politischen Entscheidungsträgern valide Kostenschätzungen vorzulegen.

Klaus Peter Schuh fasste es treffend zusammen: In Österreich werden Gesundenuntersuchungen als eine Maßnahme der Prävention von den Krankenkassen finanziert. Es wäre wünschenswert, auch den VSD als Präventionsmaßnahme für Krisensituationen und für ein Sterben in Würde zu finanzieren.

Nach einer Austauschrunde aller Anwesenden an den Tischen schloss Waltraud Klasnic zusammenfassend ab und formulierte ihren Eindruck und Wunsch, dass diese Fachtagung ein gutes Nach-Echo haben wird.

Wir danken allen, die diese Fachtagung ermöglicht haben!

Herzlichen Dank an das BMASGK für die Unterstützung des Projektes HPCPH!

Eindrücke von der Fachtagung

Programm der Fachtagung

Die Präsentationen der Vortragenden:

Am 27.11.2019 fand ein Pressehintergrundgespräch für Fachmedien statt und am 28.11.2019 wurde eine Presseaussendung verschickt.

Blogbeitrag zum VSD Vorsorgedialog®