Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Dr. Balfour Mount – Nachruf auf den Wegbereiter von Palliative Care in Kanada

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Mit Dankbarkeit erinnern wir uns an Dr. Balfour Mount 1939-2025

Am 25. September 2025 ist Balfour Mount im Alter von 86 Jahren in der nach ihm benannten Palliativstation des Royal Victoria Hospital in Montreal friedlich verstorben – an jenem Ort, den er selbst vor einem halben Jahrhundert als erste Palliativstation der Welt geschaffen hatte. Sein Leben endete dort, wo seine Vision Wirklichkeit geworden war: umgeben von der fürsorglichen Begleitung, die er für unzählige Menschen vor ihm ermöglicht hatte.

Lebenslauf und Werdegang

Balfour M. Mount, geboren am 14. April 1939 in Ottawa, hat sich zeitlebens mit außergewöhnlicher Leidenschaft und Weitsicht der Verbesserung der Lebensqualität unheilbar kranker Menschen verschrieben.

Nach Abschluss seines Medizinstudiums an der Queen’s University 1963 spezialisierte er sich in Urologie und chirurgischer Onkologie an der McGill University in Montreal, wo er später als Professor wirkte und 1975 die weltweit erste Palliativstation in einem Akutkrankenhaus gründete, das Royal Victoria Hospital.

Die Initialzündung für Mounts Lebensleistung geht auf eine Begegnung mit dem Werk „On Death and Dying“ von Elisabeth Kübler-Ross und die Begegnung mit Cicely Saunders, der Gründerin der modernen Hospizbewegung, zurück. Mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Neugier und tiefem humanistischem Antrieb suchte Mount, inspiriert durch Saunders, nach Wegen des würdigen und ganzheitlichen Umgangs mit Leid und Sterben.

Pionierarbeit und prägenden Beiträge zu Palliative Care

Balfour Mount galt in Nordamerika und auch international als „Vater der Palliativmedizin“. Als Zeitgenosse und früher Anhänger der Vision von Cicely Saunders prägte er den Begriff „Palliative Care“ anstelle des Begriffs „Hospiz“, der das britische Modell widerspiegelte und in der frankophonen Gemeinschaft Kanadas nur schwer zu übersetzen war.

Mounts wichtigste Leistung ist die Etablierung eines ganz neuen Versorgungsmodells, das im Begriff „Palliative Care“ seinen Ausdruck findet. Er setzte auf einen interdisziplinären Ansatz, der medizinische, pflegerische, soziale und spirituelle Dimensionen des Lebensendes vereint und den ganzen Menschen – Patient:in und das soziale Umfeld als Einheit – ins Zentrum rückt. Mount entwickelte in den 1970er Jahren mit einer Pilotstation ein Konzept umfassender Betreuung, das ambulante und stationäre Angebote, Forschung, Lehre und Nachsorge unter einem Dach verband. Diese Struktur wurde später über das Palliative Care McGill Consortium auf weitere Krankenhäuser ausgedehnt und durch die McGill Programs in Integrated Whole Person Care ergänzt.

Er definierte, angeregt durch Saunders, das Konzept des „total pain“, das physische, psychische, soziale und existenzielle Dimensionen von Leid berücksichtigt und darauf abzielt, nicht nur das Fortschreiten einer Erkrankung zu verzögern, sondern aktiv Lebensqualität zu erhalten und Schmerzen umfassend zu kontrollieren. Mounts Modell setzte neue Maßstäbe für die ärztliche Haltung: „Nicht den Tod beschleunigen, sondern das Leben des Erkrankten lebenswert machen.“ Er zeigte, dass die Bedürfnisse vulnerabler Menschen immer über individuellen Freiraum gestellt werden müssen, und warnte vor gesellschaftlichen Tendenzen, unheilbar Kranke aus finanziellen Gründen ins Sterben zu drängen.

Gesellschaftliches Engagement und nachhaltige Wirkungen

Mount erhielt zahlreiche Auszeichnungen – darunter die Ernennung zum Officer of the Order of Canada (2003), Officer des National Order of Quebec (1988), und wurde 2018 in die Canadian Medical Hall of Fame aufgenommen. Die von ihm gegründeten International Congresses on Palliative Care etablierten Palliative Care weltweit als akademische und klinische Disziplin.

Neben der Aufbauarbeit in Montreal und Kanada wurde Mount international zum Botschafter einer patientenzentrierten, achtsamen Medizin. Er leistete Grundlagenarbeit in Forschung und Ausbildung, initiierte Programme zur „Whole Person Care“ und trug zur differenzierten gesellschaftlichen Diskussion über die Grenzen von Autonomie und ethischem Handeln in der Medizin bei. Seine klare Abgrenzung von Euthanasie und assistiertem Suizid gründete auf der Überzeugung, dass medizinische Fürsorge nicht im Verkürzen von Leben, sondern im Lindern von Leid und Bewahren von Würde besteht.

Letzte Gedanken und Erbe

Balfour Mount hat das Bild der Krankenversorgung am Lebensende grundlegend gewandelt. Er verstand Palliative Care als Lebenshaltung – geprägt durch Mitgefühl, Dialog, das Einbeziehen spiritueller und existentieller Fragestellungen, und das Streben nach aktiv erlebter Lebensqualität bis zuletzt. Sein Erbe lebt fort in den Strukturen, die er schuf, den zahllosen von ihm geprägten Fachleuten und der weltweiten Bewegung hin zu einer humanen, interdisziplinären Sterbe- und Trauerbegleitung.

Balfour Mount, „Vater der Palliative Care“ in Nordamerika, hat durch lebenslange Hingabe und Innovation weltweit Maßstäbe für menschliche Sterbebegleitung gesetzt. Sein Wirken lehrt, dass Würde, Teamgeist und Mitgefühl untrennbar zu guter Medizin gehören und das Ende des Lebens eine Phase ist, die mit Sorgfalt, Respekt und Liebe gestaltet werden muss.

Für die österreichischen Hospiz- und Palliativbewegung war Dr. Balfour Mount mehr als ein ferner Pionier – er war für uns Wegbereiter und Inspiration. Seine Überzeugung, dass Würde, Mitgefühl und ganzheitliche Fürsorge die Grundpfeiler menschlicher Sterbebegleitung sind, hat auch unsere Arbeit in Österreich geprägt und motiviert. Durch seine internationale Ausstrahlung und die von ihm initiierten Kongresse hat er uns ermutigt, für eine humane Hospiz- und Palliativbetreuung zu kämpfen, die jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit würdigt. Sein Erbe lebt fort in jedem Moment der würdevollen Begleitung eines sterbenden Menschen und in jeder Familie, die wir in der Zeit des Abschieds begleiten.

Danke, Dr. Mount, für Ihre visionäre Hingabe und dafür, dass Sie uns gezeigt haben: Sterben ist nicht das Gegenteil von Leben – es ist der Abschluss eines gelebten Lebens, das bis zum letzten Atemzug wertvoll und würdevoll ist.