Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich

Trauma und Palliative Care

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Eindrücke vom 10. Wiener Hospiz- und Palliativtag

24. April 2019 – Der 10. Wiener Hospiz- und Palliativtag findet bei strahlendem Wetter statt, die Bäume sind sattgrün, die Sonne lacht vom Himmel und die Menschen im Kardinal König Haus haben offensichtlich gute Laune. Mehr als 150 sind gekommen, um über das Thema „Trauma und Palliative Care“ zu sprechen.

Kein einfaches, leichtfüßiges Thema – es ist unangenehm, sich mit dem Trauma anderer, mit dem, was ihnen widerfahren ist, auseinander zu setzen. Es ist aber auch unangenehm, das mögliche, eigene Trauma zu spüren. Festzustellen, dass vergangen Geglaubtes doch noch im Heute Relevanz hat. Trotzdem – keiner der TeilnehmerInnen verschwindet heimlich durch den Notausgang.

Christian Deutsch, Waltraud Klasnic und Rudi Likar begrüßen. Im ersten Teil des Nachmittags gibt Thomas Wochele eine Einführung in das Thema Trauma. Ihm nachfolgend spricht Udo Baer zu den Traumata der Kriegsgeneration und wie sich das „Wiedererleben“ in der palliativen Situation auswirkt. Vor der Pause gibt Theresa Sellner-Pogány einen Einblick, worauf in der Pflege und Betreuung Tätige in der Begegnung mit traumatisierten Menschen bei sich selbst achten müssen, damit Beziehung stattfinden kann.

Blitzlichter in der Pause

„Mir war nicht bewusst, wie viele Menschen von Traumata betroffen sind.“

„….. es betrifft nicht nur die traumatisierten Menschen, auch die 2. Generation – ‚diffuse Ängste‘ werden dann erlebt und können nicht zugeordnet werden.“

„ Unausgesprochenes wird zur massiven Belastung“

„ Es braucht Gespür dafür, was die Menschen jetzt im Augenblick brauchen. Es braucht Berührung, Zuhören, Wahrnehmen und Sehen des/der Anderen. Dafür braucht es Raum und auch die notwendige Zeit.“

Zu Beginn des zweiten Teils berührt der Hospiz Chor das Publikum mit fünf hervorragend ausgesuchten Stücken und bereitet den Weg für die nachfolgende Referentin, Silvia Langthaler.

Sie spricht über die Trauer und ihre Wichtigkeit. „Trau Dich Trauern“, meint sie und verweist darauf, dass der Trauerprozess unterschiedlich lang dauern kann und auch darf und nicht vorschnell pathologisiert werden soll.

Die anschließende dialogische Gesprächsrunde beginnt als Podiumsgespräch, langsam trauen sich TeilnehmerInnen, Fragen zu stellen und Ergänzungen einzubringen.

„Trauer und Demenz sind wieder ein eigenes Thema – denn, eigentlich beginnt ja bei Diagnosestellung bereits der Trauerprozess – bei den Betroffenen und den Angehörigen. Die Angehörigen trauern, obwohl der betroffene Angehörige noch am Leben ist. Dies ist eine paradoxe und massiv belastende Situation für das gesamte System.“

„Ich denke, dass es bei uns Pflegenden auch zwei Sorten gibt, die einen, die diese ‚Sogwirkung‘ des Helfen-Wollens spüren und sich dem nicht entziehen können, und jene, die am liebsten vor der Situation davonlaufen möchten.“

„Wir haben noch gar keine richtige Vorstellung davon, welche Rolle die Epigenetik¹ bei der Traumatisierung der nachfolgenden Generationen hat.“

Während der Heimfahrt an diesem Nachmittag bin ich nachdenklich.

¹ Unter Epigenetik versteht man molekulare Mechanismen, die zu einem stärkeren oder schwächeren Ablesen von Genen führen, ohne dass die dort gespeicherte Information verändert wird. Epigenetik umschreibt die Metaebene genetischer Regulation: per Epigenetik gelingt es dem Zellkern unter dem Einfluss äußerer Faktoren zu regulieren, wann und in welchem Ausmaß welche Gene ein- und ausgeschaltet werden. In der Konsequenz stößt die Epigenetik ein lang gehegtes Dogma der Biologie um: die Idee, dass die Eigenschaften eines Organismus durch das bei der Geburt vererbte Genmaterial unveränderbar bestimmt werden. Tatsächlich erlaubt die Epigenetik selbst subtilen Umweltveränderungen den Zugriff auf unser Erbgut – neue Forschung zeigt, dass die Entstehung von Krankheiten oder die Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen epigenetisch beeinflusst sein können.
Quelle:
https://www.spektrum.de/thema/epigenetik/1191602