Die Anfänge

Das Wort Hospiz leitet sich von dem lateinischen Begriff „hospitium“ ab und bedeutet Gastfreundschaft oder Herberge. Die Hospizidee geht auf Einrichtungen im frühen Mittelalter zurück, die PilgerInnen, die körperlich nicht mehr in der Lage waren, ihren Weg fortzusetzen, Unterkunft, Schutz, Hilfe und Pflege boten. Nach dem Ende der Kreuzzüge und Pilgerfahrten verschwanden Hospize in ihrer bisherigen Form und wurden von Gasthäusern, Spitälern und sogenannten Siechenhäusern, einer Art Pflegeeinrichtung, in der erkrankte Menschen und ältere Personen betreut wurden, ersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Hospizidee in Irland neu aufgegriffen und das Our Lady’s Hospice gegründet, das die Betreuung von LangzeitpatientInnen und Sterbenden zum Ziel hatte.

Als Gründerin der modernen Hospizbewegung gilt die englische Krankenschwester und Sozialarbeiterin Cicely Saunders (1918-2005). Sie war mit der unzureichenden Behandlung Krebskranker konfrontiert – und erkannte den Wunsch der PatientInnen nach möglichster Schmerzfreiheit als zentrales Anliegen. Saunders studierte in der Folge Medizin. Zusammen mit PatientInnen entwarf sie als Ärztin das Modell einer Einrichtung, die Sterbenden eine lebenswerte Zeit bis zum Tod ermöglicht. Der Grundgedanke der Betreuung gilt bis heute: ”Low tech and high touch”. Saunders eröffnete 1967 im Londoner Vorort Sydenham das St. Christopher´s Hospice. Sie bezog sich mit der Bezeichnung „hospice“ auf das mittelalterliche Hospiz. Im Zusammenhang mit dem Tod lässt sich das Hospiz als „Raststätte“ für das letzte Stück Lebensweg verstehen. Cicely Saunders forschte in der Folge zur Schmerzlinderung und entwickelte das Konzept von „total pain“, dem Schmerz in seiner körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimension. Eine gelingende Betreuung am Lebensende muss, so ihre Schlussfolgerung, all diese Dimensionen berücksichtigen.

Die Verbreitung der Hospizidee erfolgte in den frühen 1970er Jahren zunächst in englischsprachigen Ländern. Der kanadische Arzt Balfour Mount (geb. 1939) etablierte 1975 den Begriff der Palliative Care (lat. pallium = „schützender“ Mantel), um die Haltung und Grundsätze der Hospizbewegung im Kontext eines Krankenhaues umzusetzen. Da im französischsprachigen Kanada der Begriff „hospice“ schon belegt war und Pflegeheime bezeichnete, wählte er den neuen Ausdruck „palliatif/palliative“, der sich in der Folge  besonders im medizinischen Bereich durchsetzte.

Auch die Publikationen der Schweizer Ärztin Dr. Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004), das bekannteste wohl „On death and dying“ (1969) – „Interviews mit Sterbenden“ (dt. 1971), trugen viel dazu bei, dass der Situation von Sterbenden mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

1987 wurde Palliative Care vom „Royal College of Physicians in the United Kingdom and Ireland” als selbstständige medizinische Fachdisziplin anerkannt.

1988 erfolgte in Mailand die Gründung der Europäischen Gesellschaft für Palliative Care (EAPC). Weltweit haben sich vielfältige Einrichtungen etabliert. Siehe auch Hospiz & Palliative Care -Internationales

Die WHO und Palliative Care

2002 formulierte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine weltweit gültige Definition von Palliative Care: „Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und deren Familien, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen: durch Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, untadelige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art.“

Das englische Original finden Sie hier

Am 23. Mai 2014 verabschiedete die World Health Assembly, als jährliche Vollversammlung das entscheidungsbefugte Gremium der WHO, in ihrer 67. Sitzung in Genf die Resolution ‚Strengthening of palliative care as a component of integrated treatment within the continuum of care‘ (Stärkung von Palliative Care als einer Komponente einer umfassenden Behandlung im Kontinuum der Versorgung). Es war das erste Mal, dass die WHO ein offizielles Dokument zu Palliative Care herausgab und ist ein Meilenstein in der Anerkennung der Bedeutung von Palliative Care. Die WHO empfiehlt in dieser Resolution ihren Mitgliedsstaaten, Palliative Care in das nationale Gesundheitssystem zu integrieren und sicherzustellen, dass Palliative Care in der Grundausbildung und weiterführenden Ausbildungen für alle Gesundheitsberufe verankert ist. Eine weitere Empfehlung bezieht sich auf die Verfügbarmachen von Medikamenten, insbesondere starken Schmerzmitteln, für alle PatientInnen.

Zu den Entwicklungen in Europa beachten Sie bitte auch den entsprechenden Abschnitt im Bereich Hospiz und Palliative Care – Internationales.

Entwicklung in Österreich

70er und 80er Jahre

Noch bis in die 1980er Jahre war der Hospizbegriff in der österreichischen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die Entwicklung der Hospizbewegung hatte – in kleinen Schritten – erst Ende der 1970er Jahre begonnen. Initiatorinnen waren überall Ehrenamtliche, die rund um engagierte Persönlichkeiten Hospizteams entwickelten. Die Entwicklungen in Deutschland und Großbritannien, Begegnungen von ÖsterreicherInnen mit Cicely Saunders, Elisabeth Kübler-Ross, Heinrich Pera und der Film von Roland Iblacker SJ “Noch 16 Tage” über das St. Christopher‘s Hospice in London waren einige der wichtigen Inspirationsquellen. Wirklich in Bewegung kam die Initiative nach den Patientenmorden im Krankenhaus Lainz in Wien (1989).

90er Jahre

In der Ausbildung für Gesundheits- und Krankenpflege wurde Palliativpflege als Lehrfach etabliert (GuKG 1997). Interprofessionelle Palliativbasislehrgänge für hauptamtliche ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen, VertreterInnen psychosozialer Berufe und SeelsorgerInnen werden seit 1998 durchgeführt. Mehr zur Geschichte der Bildung im Bereich Hospiz und Palliative Care 

In Österreich sind Hospiz- und Palliativeinrichtungen im Rahmen des Dachverbandes Hospiz Österreich organisiert. Dieser Dachverband wurde 1993 von einer Gruppe von engagierten Menschen gegründet, die sich um Mag.a Sr. Hildegard Teuschl CS gebildet hatte.

Am 6. September 1993 fand die Konstituierende Generalversammlung des Vereins, damals mit dem Namen „Menschenwürde bis zuletzt. Österreichischer Dachverband von Initiativen für Sterbebegleitung und Lebensbeistand“ statt. Mehr zur Geschichte des Dachverbandes Hospiz Österreich.

1998 wurde die Abteilung Palliative Care und OrganisationsEthik am IFF gegründet (Univ. Prof. Dr. Andreas Heller).

1999 konstituierte sich die OPG – Österreichische Palliativgesellschaft.

Einen guten Überblick über die ersten Jahre geben zwei Publikationen:

Anne Elisabeth Höfler, Die Geschichte der Hospizbewegung in Österreich. Zukunft braucht Vergangenheit, Wien 2001

Eduard Spörk, Andreas Heller (Hg.), Die Hospizidee hat viele Mütter und Väter. Die Geschichte der Hospizbewegung in Österreich und die Hospizarbeit der Caritas Socialis, Innsbruck/Wien 2012

Ab 2000

Die Jahre ab 2000 können als Aufbauphase nach der Pionierphase bezeichnet werden.

2001 fand die Parlamentarische Enquete „Solidarität mit unseren Sterbenden“ statt. Sie wirkte nach und führt zu Bekenntnissen der Politik (diverse Regierungserklärungen) und Plänen der Länder (Österreichischer Strukturplan Gesundheit 2004 und 2012, diverse Bundesländerpläne). Ebenfalls in diese Zeit fällt die Anerkennung der Masterlehrgänge der IFF (2000) und des Universitätslehrgangs Palliative Care (2006) sowie des ÖÄK Diploms Palliativmedizin (2002).

2002 wurde die Regelfinanzierung der Palliativstationen beschlossen, was zur Folge hatte, dass bis dahin als Hospiz tätige Einrichtungen (wie z.B. St. Raphael im KH Göttlicher Heiland, CS Hospiz Rennweg, Hospizstation Tirol) in Palliativstationen umgewandelt wurden.

2002 Gesetz zur Familienhospizkarenz (Novelle 2006, Anpassungen 2013)

2004 und 2006 fanden Interdisziplinäre Österreichische Palliativkongresse statt, seit 2011 werden sie alle zwei Jahre von der OPG organisiert.

2005 1. Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Med. Uni Wien (Univ. Prof. Dr. Herbert Watzke)

Ab 2003/2004 wurde von GÖG/ÖBIG unter Mitarbeit von ExpertInnen des Dachverbandes Hospiz Österreich und der OPG das Konzept der modular abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung für Erwachsene entwickelt, das 2006 vom Bundesministerium für Gesundheit anerkannt und als Broschüre publiziert wurde.

2006 Gesetz zur Patientenverfügung

2007 Gesetz zur Vorsorgevollmacht und Angehörigenvertretung (Sachwalterrechtsänderungsgesetz)

2009 11. Weltkongress der EAPC in Wien mit Symposium für Ehrenamtliche, das von Hospiz Österreich (Leena Pelttari, Johann Baumgartner) organisiert wurde (weitere Symposien für Ehrenamtliche 2011 am OPG Kongress in Klagenfurt und am EAPC Kongress in Lissabon, 2013 am EPAC Kongress in Prag, 2015 beim OPG Kongress in Wien, 2017 beim OPG Kongress in Vorarlberg)

2009 Start des Projektes HPCPH – Hospizkultur und Palliative Care in Alten- und Pflegeheimen“ (Sigrid Beyer) auf Ebene des Dachverbandes Hospiz Österreich nach Pilotphasen in Vorarlberg (2004) und NÖ (2009)

Ab 2010

Spezialisierte Hospiz- und Palliativversorgung ist in den Bundesländern unterschiedlich umgesetzt. Einerseits geht der weitere Ausbau nur zögerlich voran und scheitert an einer immer noch fehlenden Finanzierung und unklaren Zuständigkeiten, anderseits entstehen in der Folge der Parlamentarischen Enquete-Kommission 2014/2015 neue Impulse.

2010-2012 Kindergesundheitsstrategie –  Ulrike Pribil, Kinderhopizbeauftragte des Dachverbands Hospiz Österreich, sorgt für die Verankerung von Hospiz und Palliative Care

2011 Hospiz Österreich organisiert das 1. Kinderhospiz – Vernetzungstreffen in Salzburg, die ab da jährlich stattfinden

2012 GÖG/ÖBIG präsentiert das Prozesshandbuch für Hospiz- und Palliativeinrichtungen (entstanden unter Mitarbeit von ExpertInnen des Dachverbandes Hospiz Österreich)

2013 wird das von GÖG/ÖBIG unter Mitarbeit von ExpertInnen des Dachverbandes Hospiz Österreich erarbeitete Konzept der modular abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie deren Familien vorgestellt. Zeitgleich publiziert Hospiz Österreich die Empfehlungen zur Umsetzung.

2013 Pflegefonds neu

2014 wird die überarbeitete Broschüre zur abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung für Erwachsene herausgegeben.

2014 GÖG/ÖBIG startet mit dem Projekt „Hospiz- und Palliative Care in der Grundversorgung. Leitfaden zur systematischen Umsetzung von Hospiz- und Palliativ Care in der Grundversorgung“.

Nov 2014/Jänner 2015 Parlamentarische Enquete-Kommission „Würde am Ende des Lebens“ mit 51 Empfehlungen des Nationalrats. Mitglieder des Dachverbandes Hospiz Österreich beteiligen sich aktiv mit Reden und Statements an den vier öffentlichen Sitzungen.

Dezember 2015 Die Bundesregierung ernennt Waltraud Klasnic und Elisabeth Pittermann-Höcker zu Präsidentinnen des neu zu konstituierenden Hospiz- und Palliativforums.

2016 Konstituierung des Hospiz- und Palliativforums im Auftrag der Bundesregierung in Erfüllung einer der 51 Empfehlungen des Nationalrats. Eines der Ziele ist die Entwicklung einer Regelfinanzierung.

September 2016 1. Pädiatrischer Hospiz- und Palliativkongress in Österreich in Salzburg, organisiert von Hospiz Österreich (Claudia Nemeth) in Zusammenarbeit mit den Mitveranstaltern OPG, ÖGKJ, ULG und ULG PädPal.

2016/2017 Am Weg zu einer Novellierung des PatVG und des Sachwalterrechts

Finanzausgleich 2017-2021: 18 Mio. werden für den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung zweckgewidmet und über den Pflegefonds abgewickelt

Mehr zu den Meilensteinen auf politischer Ebene

Bundesweite Erhebungen unter Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich seit 2007 zeigen: Österreich hat in den vergangenen Jahren in Sachen Hospiz- und Palliativversorgung eine bemerkenswerte Entwicklung gemacht – und liegt hinsichtlich der Versorgung bereits im guten europäischen Mittelfeld. Mehr dazu unter Fachwelt – Statistik